Indonesien
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Eine Haussegnung auf Bali

„Steig nie in fremde Autos ein!“ trichterte mir meine Mutter in meiner Kindheit ein. Vielleicht hätte ich darauf hören sollen. Zu spät.

Es beginnt wie jeder Smalltalk in Indonesien. Während ich mein Omelette verspeise, gesellt sich ein Balinese an unseren Tisch. Wir sind in Lalang-Lingah, einem verschlafenen Örtchen auf Bali. „Where do you go today?“ Noch während Stefan erklärt, wir wollten Richtung Südbali weiterreisen, ahne ich, was jetzt kommt: Eine Mitfahrgelegenheit. In Anbetracht von Busmangel und Taxipreisen kommt uns das sehr entgegen. Unser freundlicher Helfer stellt sich als Prediger vor und will praktischerweise ebenfalls gen Süden fahren. Vorher nehme er nur noch eine Haussegnung vor, der wir aber beiwohnen dürfen. Vor meinem inneren Auge sehe ich prächtig gekleidete Menschen, die würdevoll mit Obstkörben auf dem Haupt schreiten. Bunte Blüten, Blumenkränze, Räucherstäbchenduft hängt schwer in der Luft. Das Gamelan gibt den Rhythmus vor, mystische Stimmung. Ich bin begeistert.

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Mit dem Prediger und seinem Kollegen fahren wir ein paar Kurven auf und ab. Vor einem unspektakulär aussehenden Haus machen wir Halt. Frauen mit Kindern auf dem Arm, alte Herren und Damen, ein paar Jugendliche füllen den Raum. Hühner scharren im Sand nach Würmern, ein Hahn ruft Kikerikiiii. Das Hausinventar beschränkt sich auf Plastikstühle. Keine Blüten, keine Obstkörbe, keine Trachten. „The blessing starts in 2 hours“ teilt uns der Prediger belanglos mit.

Neugierige Blicke folgen von nun an jedem unserer unsicheren Schritte. Der Prediger ist der Kopf einer christlichen Gemeinde auf Bali, das Haus sein neuestes Investment. Die Gemeinde ist eine Minderheit, umso stärker organisieren sie sich, sammeln Spenden für einen Kirchenbau, wollen ein christliches Dorf errichten. Ununterbrochen unterstreicht der Prediger seine Business-Qualitäten; er macht alles: von Immobilieninvestments bis Fischzucht. Investoren aus aller Welt vertrauen ihm ihr Geld an. Im ersten Moment passen seine Geldmacherfixierung und sein Kirchenamt für mich nicht zusammen. Aber hat nicht genau das Max Weber in Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus beschrieben? Der wirtschaftliche Erfolg als Zeichen Gottes für die Auserwählung. Für einen der raren Plätze im Paradies. Und ab jetzt wird es gruselig: „All the people in this room were Hindu or Muslim before they met me. They were possessed by evil spirits. By demons.“ Ding-Ding-Ding- schrillen meine Alarmglocken. Was antworte ich auf so einen Quatsch? Der balinesische Hinduismus, in seinen Augen Teufelszeug. Die Muslime seine Feinde. Sein Gesichtsausdruck ist ernst, mir fällt zum ersten Mal sein unverhältnismäßig gut trainierter Bizeps auf. Er musste alle Mitglieder seiner –ich nenne es nun- Sekte, reinigen. Bilder von Kerzenwachsriten und Exorzismus lassen mich erschaudern. Gedanklich gehe ich unsere Fluchtmöglichkeiten durch. Einfach wegschleichen geht nicht, unsere Rucksäcke liegen im Kofferraum des Predigers. Bevor ich eine passable Ausrede für ein früheres Abdampfen parat habe, werden wir auf zwei Plastikstühle gesetzt: wir bilden mit den beiden Predigern die Bühne vor circa 40 Gläubigen.

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Alle Augen sind auf uns gerichtet. Wir sitzen fest. In einer Falle?

Und ab jetzt befinden wir uns in der merkwürdigsten Szene meines Lebens. Der Prediger predigt was das Zeug hält, liest laut und überschwänglich aus der Bibel vor, Kopfnicken und Zustimmung von allen Seiten. Ich verstehe nur Jesus, Hallelujah, Amen. Und Terimah Kasih (Danke). Dann wird inbrünstig gesungen, alle springen ergriffen auf, reißen die Hände in die Luft. Tränen fließen über Gesichter. Trancebewegungen. Stefan und ich stehen wie angewurzelt da, wagen nicht ein Wort miteinander zu wechseln. Wir sind zwei Fremdkörper in diesem Raum. Ich weiß nicht, wie ich schauen, wohin ich meine Hände packen soll. Ich wäre gerne unsichtbar. Oder noch besser: gar nicht hier. Wie lange soll das so gehen? Was ist das für eine Sekte? Jesus. Hallelujah. Mir ist heiß und wird schwindelig. Wenn ich jetzt umkippe, werde ich sicher für Satan persönlich gehalten. Der Gedanke lässt  mich noch mehr schwitzen. Terimah Kasih. Terimah Kasih. Amen.Wieder Bibellesen, wieder singen. Noch mehr Tränen fließen. Jesus! Jesus! Hallelujah! Nach zwei langen Stunden ist das Haus gesegnet, und wir werden aus unserer Starre erlöst. Mir schütteln dutzende Menschen die Hände mit den Worten „God bless you.“

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Religiosität ist (im Idealfall) eine individuelle Entscheidung. Häufig dient sie als gemeinschaftsstiftendes Merkmal. Sie formt ein „Wir“ und definiert „Andere“. Soweit, so gut. Der ausschlaggebende Moment für mein Unbehagen war die Abgrenzung, vor allem aber die Abwertung, der „Anderen“. Vielleicht verstärkte meine romantische Verklärung einer Haussegnung im Vorwege das Unbehagen. Vielleicht überforderte mich die aktive Rolle, die mir zugesprochen wurde. Vielleicht verunsicherte mich auch die Gretchenfrage, die stets stumm über meinem Kopf hing.Am nächsten Morgen erwache ich schweißgebadet. Mein Schädel brummt, als hätte ich die Nacht durchgesoffen. Habe ich natürlich mit den frommen Christen nicht. Stattdessen wurde gegessen, geplaudert und wir erhielten eine freie Mitfahrt nach Canggu.

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Unterwegs fällen wir häufig spontane Entscheidungen, manche sind echte Glücksgriffe, manche erweisen sich erst auf den zweiten (oder- ähm- dritten) Blick als solche. Aber egal, wie groß das Unbehagen in einer Situation auch ist, es sagt meist mehr über mich selber aus, als über die Situation als solche.

Kategorie: Indonesien

von

Stefan ist ein echter Travel Enthusiast! Sprachen und Reisen sind seine Leidenschaft. Darum hat er auch Englisch und Spanisch studiert. Seit der Weltreise krempelt er seine Karriere gerade komplett um. Seine Lieblingsthemen: das Unbekannte und Outdoorabenteuer.

2 Kommentare

  1. Anonymous sagt

    Happy new year und weiter viel Glück auf euren „Kurzentschlossenen“ Glücks Trips. Gruß hajo

  2. Rebecca sagt

    Hallo Aylin und Stefan, ihr schreibt beide wirklich toll, man hat das Gefühl, dabei zu sein. Bei dieser Geschichte läuft es mir kalt den Rücken runter! 😀 Aber Abenteuer wie diese bleiben später bestimmt am intensivsten in Erinnerung. Viele Grüße!

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