Asien, Nepal
Kommentare 6

Kathmandu Overkill!

Die Exotische. Kath-man-du. Der Name allein klingt schon so verheißungsvoll nach Exotik. Nach Räucherstäbchen, Saris, Kühen auf den Straßen, Mönchen, Bergen, Gebetsmühlen. Auch wenn das Exotische bloß eine Illusion ist, eine Perspektive des Reisenden, eine Zuschreibung, so ist es doch ein starkes Motiv.

Und es ist eines meiner Reisemotive: die Suche nach dem Anderen. Dem Neuen. Dem Kontrast. Der Irritation. Ja, genau: ich will irritiert werden. Überrascht. Herausgefordert. Kathmandu liefert. Trotz totaler Übermüdung und Reizüberflutung sind all meine Sinnesorgane scharf gestellt. Ich bin high von all den Farben, den Gerüchen, dem Gewimmel. In der Altstadt verlieren wir uns in den Gassen und Hinterhöfen, die sich wie ein Labyrinth zwischen Thamel und dem Durbar Square winden. Rostrote Altbauten aus Backstein zerfallen. Die kunstvoll geschnitzten, hölzernen Balkone scheinen am seidenen Faden zu hängen. Und doch versprüht gerade das Kaputte eine romantische Ästhetik.

Kathmandu_3

Kathmandu_4 Kathmandu_5

Der Durbar Square ist das historische Herz Kathmandus, ein riesiges Areal, auf dem Paläste und Tempel stehen. Der „Palast-Platz“ stammt aus der Zeit, in der Nepal eine Ansammlung von Königreichen war. Es herrscht pulsierendes Treiben. Die sengende Mittagssonne zehrt an unseren Kräften, wir suchen Schatten in einem der Paläste. Im Innenhof herrscht gespannte Ruhe, die Menschen blicken auf einen hölzernen Balkon. Ohne es zu wissen, befinden wir uns im Palast der Kumari Bahal. Die Kumari ist keine Geringere, als eine lebende Göttin. Wir schauen also gebannt nach oben, und tatsächlich zeigt sie sich. Ein Mädchen, acht Jahre alt, die Augen tiefschwarz geschminkt, Goldschmuck und ohne Regung. Stumm und ernst blickt sie vom Balkon, bevor sie wieder in ihre privaten Gemächer verschwindet. Die Schaulustigen sind zufrieden, denn eine passive Kumari bedeutet, dass ihre Wünsche erhört werden. Lacht die Kumari, ist dies beispielsweise eine Vorhersehung von Krankheit. Reibt sie sich gar die Augen, steht Gevatter Tod bald vor der Tür.

Kathmandu_11

Kathmandu_10 Kathmandu_9

Die Stadt schwitzt

Kathmandu fordert mich. Diese Stadt dünstet aus, sie schwitzt, sie ächzt. Menschen, überall Menschen. Kathmandu platzt aus allen Nähten. Über dem Talkessel hängt eine Wolke aus Staub und Abgasen, der Sonnenuntergang verwandelt den Himmel darum allabendlich in eine milchige, blutorange Suppe. Der Verkehr steht ständig kurz vor einem Infarkt. Der Staub der Straßen findet jede noch so kleine Pore, nach ein paar Tagen stellt sich bei mir der erste Halsinfekt, gefolgt von hartnäckigem Husten, ein. Manchmal, glaube ich, will mich Kathmandu ersticken. Oder durch einen Overkill an Eindrücken platt machen.

Kathmandu_13

Kathmandu_15 Kathmandu_16

Und trotzdem bleiben Stefan und ich uns treu und erlaufen Kathmandu. Auch wenn es manchmal ein wenig Eigenmotivation erfordert, geht das echte Erkunden einer Stadt meiner Meinung nach nur zu Fuß. Wer läuft, ist langsam genug, um Details zu sehen. Man kann stehenbleiben, abbiegen, den Blick schweifen lassen. Manchmal entsteht ein Gespräch mit einem Straßenhändler, einem Rikschafahrer oder Passanten. Wer läuft, malt eine Karte im Kopf und irgendwann kann man sich ohne Stadtplan orientieren. Und das Schöne ist: wenn Erstickung droht, gibt es meist in der Nähe das nächste Cafe, um Luft zu holen.

Von heiligen Bergen und heiligen Kühen

Unsere Gastmutter im Karmalaya Homestay, die sich rührend um uns kümmert, vollführt jeden Morgen auf der Dachterrasse ein kleines Gebetsritual. Ein Räucherstäbchen brennt, ein wenig Wasser wird verspritzt. Anschließend drückt sie uns ein Tikka, einen roten Punkt, auf die Stirnmitte.

In Nepal erlebe ich etwas, das in meinem deutschen Umfeld kaum Bedeutung findet: Religion im Alltag. Tempel sind belebte Orte, an jeder Straßenecke befindet sich ein Schrein, es gibt heilige Berge, heilige Flüsse, heilige Kühe. Mir scheint es, als strukturierten Rituale und religiöse Feste den Alltag. Sie fügen sich schnörkellos wie das morgendliche Zähneputzen ein.

365 Stufen steigen wir zum Swayambhunath Tempel hinauf, besser bekannt als Monkey Temple. Wie in den Straßen Thamels erklingt hier das omnipräsente Mantra Om Mani Padme Hum, das irgendwie beruhigend wirkt und gleichzeitig zu meinem Nepal Ohrwurm wird.

Während der Monkey Temple durch eine spektakuläre Aussicht auf Kathmandu besticht, kann die Stupa von Bodnath durch schiere Größe beeindrucken.

Kathmandu_7

Kathmandu_6

In Kathmandu beginnt und endet unser Nepal-Abenteuer. Wir durften die Sherpa am Fuße des Mount Everest kennenlernen, die Sonne über dem Annapurna Gebirge aufgehen sehen, einem Dzopkyo-Trainer bei der Arbeit über die Schulter schauen, von einem Berg springen und mindestens Hundert Dal Bhat verzehren. Und trotzdem verlassen wir dieses Fleckchen Erde mit gleich viel Verwunderung und Staunen, wie wir gekommen sind.

Namaste, Nepal! 

Kategorie: Asien, Nepal

von

Aylin zählt sich zur Generation (wh)Y und liebt es, Dinge zu hinterfragen, herumzuphilosophieren und das Leben aus allen Perspektiven zu beleuchten. Gerne auch mit ihrer Kamera. Der zweite Kaffee am Frühstückstisch ist für sie der Inbegriff von Luxus (Zeit + Genuss = Lebensfreude). Wollte mit zart-naiven 16 Jahren mal Journalistin werden und die Welt retten, dieser Blog ist quasi die Erfüllung ihres Mädchentraums.

6 Kommentare

  1. Ich kann richtig beim lesen mitfühlen wie sehr die Stadt einen fordert und wie großartig das sein muss.
    Toller Bericht!
    LG

  2. Liebe Marianna, vielen Dank- manchmal ist es ja auch gut, die Schönheit nicht auf dem Präsentiertteller zu bekommen. 😉

    LG, Aylin

  3. Das kann ich voll und ganz nachvollziehen. Auch ich musste mir Kathmandu regelrecht erarbeiten. Und nach etwa 5 Tagen begann mir die Stadt recht gut zu gefallen. Ich wohnte allerdings im etwa relaxteren Bouddha.

  4. Pingback: New York City | Today We Travel

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.