Amerika, Bolivien, Südamerika
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La Paz: Pachamama und Partyhostel

„Willkommen in Südamerikas verrücktestem Party Hostel“. Benjamin, Manager des Wild Rover Hostels, gibt die Zielrichtung vor: Weniger als ein paar wilde Feiernächte sind bei ihm nicht zu bekommen. Auch mal cool, denken wir- keine verkehrte Basisstation für einen Ausflug in diese ohnehin berauschende 4000 Meter-Stadt. 

Auf dem Weg in unser Zimmer begrüßt mich ein schläfriger Teenie lässig per „Fistbump“. Ein paar Blondinen relaxen mit Smartphone in der Hängematte. Die Apple-Logos der MacBooks leuchten aus der abgedunkelten Bar, dem Herzstück des Hostels. Symbolträchtig: Der WLAN-Router liegt in einer kleinen Vitrine, die eigentlich in die Wand eingelassen wurde, damit die heilige Jungfrau Maria ihren Segen über das Haus legt.

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Sie wirkt erstmal paradox, diese Backpacker-Enklave im Herzen von La Paz. Viele klüngeln hier wochenlang zusammen, versumpfen bei Burgern und Bier. Die Fußballspiele der europäischen Topligen laufen auf den Bildschirmen an der Bar. Das Fremde ist ausgesperrt. Es ist wie ein Reich des Vertrauten, eine Wohlfühloase inmitten der rauen, fremden Stadt. Man sitzt zusammen, vereint im Habitus des Individualisten, vereint durch auffällige Kleidung und Accessoires, die eigentlich Abgrenzung ausdrücken sollen. Draußen spielt sich das gewöhnliche, städtische Leben ab. Die Kleidung der Menschen dort hat sich teilweise seit hunderten von Jahren nicht geändert, das Leben grundsätzlich ist für viele Bolivianer ein hartes. Würde hier auch nur ein Bolivianer reinschauen, er würde diese Individualreisenden vielleicht für befremdliche Fantasiegestalten halten.

La Paz: Eine Stadt voller Mythen

Es ist ja auch eine fremde Welt, in die man eintaucht. Dieser Satz ist immer so schnell dahingesagt, doch in La Paz wird mir bewusst, dass man ihn auch ruhig mal so stehen lassen kann. Der Versuch „das Fremde“ von Grund auf zu dechiffrieren ist doch zum scheitern verurteilt. Manchmal reicht es auch aus, sich die bolivianischen Mythen und Traditionen anzuschauen und zu folgern: Schon krass, wie die das alles hier machen.La_Paz_Altbauten

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Respekt vor Pachamama

Die personifizierte Erdmutter wird allseits respektiert. Man merkt das Südamerikanern immer an, wenn sie über die Natur sprechen. Die Beschreibungen sind nicht selten sehr bildhaft und lebendig. Sie ist nicht einfach da, man steht in Beziehung zu ihr. Manchmal schütten die Männer in La Paz den letzten Schluck ihres Bieres auf den Boden. Pure Verschwendung, dachte ich zunächst, bis mir gesagt wurde, dass es darum geht, Pachamama gnädig (und betrunken) zu halten.

Che Guevara Plakat.

Wer ein Gebäude bauen möchte, begräbt am besten vorher ein lebendiges Lebewesen auf dem vorgesehen Grundstück. Je nach Größe des Bauvorhabens wählt man sich ein Tier aus: Huhn, Lamm, Esel, je größer desto besser. In La Paz geht der Mythos um, dass Investoren für größere Projekte wie Einkaufszentren schon mal einen Schritt weiter gehen. Sie begeben sich des Nachts in die Straßen der Obdachlosen und Trunkenbolde und suchen nach Männern, deren Urteilsvermögen getrübt ist. Opfer, die keiner vermissen wird, die außerdem wegen der Aussicht auf kostenlosen Alkohol in ein Auto einsteigen. Was dann mit ihnen passiert kann man sich ausmalen. So ist das in Südamerika: Man hört viele irrsinnige Geschichten.

Tatsächlich, so erzählt uns eine junge Einwohnerin der Stadt, gibt es unzählige Gottheiten, denen sie ständig auf irgendeine Art und Weise Respekt zollt. Es könnte ja sein, dass tatsächlich eine davon existiert und in dem Fall will man sich ihrer Gnade natürlich gewiss sein.

Es geht noch höher – El Alto

Von La Paz aus benutzen wir den Teleférico, eine Seilbahn, um in das höher gelegene El Alto (4100 m) zu gelangen. Hier oben, mittlerweile 1000 Höhenmeter über dem südlichen Teil von La Paz, ist das Klima rau und schwer vorhersehbar. Das veranlasst uns offensichtlich dazu, den recht allgemein gültigen Satz „Sobald einmal die Sonne weg ist, wird es kalt“, mehrfach aufzusagen.

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Zweimal in der Woche findet hier oben ein riesengroßer Markt statt. Manche sagen, es sei der größte Markt der Welt. Es gibt kaum eine Straße, in der es keine Marktstände gibt, kaum ein Produkt, das man hier nicht kaufen kann: Autoteile, Kinderspielzeug, Haustiere. Zwischendurch ein Tattoo stechen lassen: kein Problem. Auch das Sekret von riesigen Schnecken ist erhältlich. Sofern man dem engagierten Monolog des Verkäufers Glauben schenken mag, lindert es die Symptome von dutzenden Krankheiten. Wir laufen schier endlose Gassen entlang und immer wieder ergeben sich fantastische Blicke hinab auf La Paz.

Auf Zeitreise

Manchmal kommt mir der Besuch in La Paz wie eine Zeitreise in die Vergangenheit vor. Die Friseursalons, die Cafés, die Kleidung der Menschen: Vieles wirkt, gerade weil es lange nicht erneuert wurde, unheimlich stilvoll.

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Wir sitzen in einem dieser Cafés. Am Nebentisch nippt ein gut gepflegter Lokalpolitiker an seinem Espresso. Immer wieder greift er zum Mobiltelefon, verteilt klare Anweisungen und legt dann wieder, ohne sich zu verabschieden, auf. Es eilen Helfer herbei, die draußen Flugblätter verteilen. Er scharrt sie um sich und wirkt in ausladender Geste auf sie ein. Dann nimmt er den letzten Schluck Espresso, zückt eine goldene Geldklammer und wirft ein paar Scheine auf den Tisch. „Entschuldigt, dass ich hier gerade so rumgebrüllt habe. Ich habe heute noch zwei Auftritte.“, ruft er zu uns herüber. Klar entschuldigen wir das, der Auftritt war einfach zu stilsicher.

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Man mag auch die Einstellung der Bolivianer zu gewissen Themen für unmodern halten. In manchen Fällen allerdings alles andere als stilvoll: 7-8 von 10 bolivianischen Frauen werden von ihren Ehemännern geschlagen, so unser Reiseführer. Für mich eher befremdlich: Nicht alle Frauen beschweren sich darüber, manche werten es als Zeichen der Stärke seitens des Ehemanns, wenn dieser ab und an zulangt.

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Evo macht’s nochmal

Am Ende stecken wir noch ein paar Tage fest, da in den Tagen rund um die Wahlen das öffentliche Leben nahezu still und kein öffentlicher Fernverkehr zur Verfügung steht. Alkohol wird bereits zwei Tage vor der Wahl nicht mehr ausgeschenkt. Es soll natürlich sichergestellt werden, dass alle Bolivianer zur Wahl gehen, und das möglichst nüchtern.

Das Ergebnis ist keine große Überraschung. Präsident Evo Morales wird mit 60% der Stimmen wiedergewählt. Die Mehrheit der Bolivianer ist zufrieden mit ihrem Präsidenten: Seit Jahren geht die Armut zurück, die Wirtschaft wächst, die Analphabetenrate ist drastisch gesunken. Dass Morales´dritte Amtszeit nur durch einen, nennen wir es mal „Kniff“ möglich ist, stört niemanden: Da seine erste Amtszeit vor einer Verfassungsänderung und einhergehenden Umbenennung des Staates Boliviens in den „Plurinationalen Staat von Bolivien“ stattfand, zählt sie nicht.

La Paz Straßenfest am Wahltag

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Das Beste an diesem Wahltag aus unserer Sicht: Die Straßen sind aufgrund des Fahrverbots erfrischend leer. Wo sich an den Tagen vorher noch Smog und unendliche Autoschlangen gebildet hatten, skatet nun eine handvoll Jugendlicher die Straße herunter. Fast wie in einem apokalyptischen Katastrophenfilm liegt die Stadt menschenleer vor uns. Ein sensationelles Szenario für einen Abschiedsspaziergang.

Vielen Dank an Benjamin und das Wild-Rover Team für die Unterstützung unseres Aufenthaltes in La Paz!

Tipps für La Paz:

Kulinarisches: Günstig Essen geht vor allem auf dem Markt, wo es natürlich auch für Selbstversorger Obst, Gemüse, Fleisch, Käse… gibt. Einen starken Cortado (Kaffee mit etwas Milch) trinkt man im altehrwürdigen Torino Cafe, wo sich Politiker und Geschäftsleute treffen. Vegetarische Mittagsmenüs sind im Restaurant Namasté und einem anderen Lokal, dessen Namen wir nicht mehr wissen, zu bekommen (in der Nähe des Hauptmarktes).

Einkaufen: Rund um die Sagarnaga Straße befinden sich Geschäfte, in denen Alpaka-Pullover, Lederrucksäcke, Stoffe & Co. verkauft werden. Ein Pullover kostet ca. 100 Bolivianos, ein Lederrucksack ca. 220 Bolivianos. Ein wenig Handeln geht natürlich auch.

Kino: In der „Megamall“ im Süden von La Paz (Zona Sur, lohnt auch, um zu sehen, wo Leute mit Geld leben) gibt es ein großes Kino, praktischerweise direkt neben dem Foodcourt. Dort kann man Filme auf Englisch oder Spanisch sehen. Im VIP-Saal lassen sich die Sitze elektrisch per Knopfdruck in Liegeposition fahren- kein Witz! Ticket: ca. 45 Bolivianos.

El Alto: Der Wochenmarkt in El Alto findet Donnerstags und Sonntags statt- mit dem Teleferico kommt man bequem hin und genießt noch eine Fahrt mit Aussicht.

Schlafen: Es gibt viele Hotels und einige Hostels im Zentrum. Wir haben im Wild Rover genächtigt. Wer eine irische Bar (mit Burgern, Bier & Co.) und Anschluss zu anderen Travellern sucht, ist hier genau richtig.

Kategorie: Amerika, Bolivien, Südamerika

von

Stefan ist ein echter Travel Enthusiast! Sprachen und Reisen sind seine Leidenschaft. Darum hat er auch Englisch und Spanisch studiert. Seit der Weltreise krempelt er seine Karriere gerade komplett um. Seine Lieblingsthemen: das Unbekannte und Outdoorabenteuer.

6 Kommentare

  1. Abend,
    habs gerade schon bei Reisedepeschen geschrieben und kanns hier nur wiederholen: „ein weiterer Ort auf meiner Liste“ auch wenn Bolivien für mich erstmal nicht möglich ist die nächsten 10-15 Monate. Aber schön darüber zu lesen und ein bisschen Vorfreude zu schmecken.

    Viele Grüße

    Matthias

  2. War vor ca. 6 Wochen in La Paz. Ich finde die Stadt enttäuschend. Die Abgase des Verkehrs sind spürbar und es gibt fast nichts zu sehen. Übrigens bekommt man nirgends auf der Welt einen echten Alpakapullover für 11 €. Das ist alles Schafswolle.

  3. La Paz ist mit großem Abstand meine Lieblingsstadt in Südamerika und ihr beschreibt ganz gut wieso. Auch wenn gerade keine Wahl ist, ist eigentlich jede Woche etwas Besonderes los.

    Übrigens, man glaubt es kaum, aber das andere Partyhostel der Stadt ist noch eine Spur krasser.

  4. Hey Matthias,

    Vorfreude ist die schönste….

    Wenn dieser Artikel dir geholfen hat, einen Ort auf „deine Liste“ zu setzen, war er schonmal nicht ganz umsonst!

    Ganz liebe Grüße!

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