Europa, Slowenien
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Trekking in Slowenien: der Triglav Nationalpark

triglav slowenien wandern

Dunkelheit im Triglav Nationalpark. Ein Gasthaus mit verheißend schimmernden Lichtern wird erkennbar. Der Anblick tut so gut! Steht dieses warme Licht doch für so ziemlich alles, was wir uns jetzt, nach dieser nasskalten Wanderung herbeisehnen: Eine beheizte Stube, die Aussicht auf eine warme Mahlzeit und vor allem das entlastende Gefühl, nicht die Nacht in der Wildnis verbringen zu müssen. Denn darauf hatten wir uns schon eingestellt…

Doch der Reihe nach.

seilbahn bohinj vogel

Am selbigen Morgen nehmen wir die Seilbahn von Bohinj hinauf auf das Plateau unterhalb des Berges Vogel (wird Wogel ausgesprochen) und beziehen zuerst ein karges Zimmer mit Etagenbett in einer der wenigen Hütten, die Wanderern hier oben Unterschlupf bieten. Bohinj ist das Outdoormekka im slowenischen Triglav Nationalpark. Die Tourist Information versorgt uns mit Wanderkarte, Zimmerschlüssel, Handtüchern und – sehr geil – unsere Übernachtung in der Hütte schließt ein Abendessen in erwähntem Gasthaus ein. Organisatorisch läuft es also wie geschmiert. Zeit loszulaufen.

bohinj see wolken

Morgens liegt der Bohinj See unter einer beeindruckenden Wolkendecke.

Der Outdoorvibe hatte schon am unteren Ende der Seilbahn, am See Bohinj, Besitz von uns ergriffen. Sportbegeisterte aus allen Teilen Europas gehen hier Kajaken, Mountainbike fahren, Paragliden oder praktizieren eine andere sportliche Waghalsigkeit, die man gerne mit einer auf den Helm geschnallten Actioncam dokumentiert. Wer es etwas klassischer mag, schnürt den Wanderstiefel und nimmt sich, wie wir heute, den Vogel vor. Die Tour gilt als recht einfach zu bewerkstelligen, soll aber umso lohnendere Blicke über die julischen Alpen bieten. Die sportive Stimmung hier beflügelt und wir machen trotz des steilen Anstiegs große, schnelle Schritte.

Die Aussicht wird immer weiter, das ist das Faszinierende an diesen Aufstiegen im Gebirge. Bei jeder Gelegenheit bleiben wir stehen und genießen den Ausblick für einen Moment, wohlwissend, dass er noch spektakulärer wird, je höher wir kommen. Als wir auf der Spitze des Šija (1880 m), einer Art Etappenziel stehen, eröffnet sich ein 360 Grad Rundumblick auf ein fantastisches Bergpanorama. Im Westen allerdings, nur 1 Kilomater Luftlinie entfernt, über dem Vogel, lungert eine bedrohliche, tiefschwarze Wolke wie ein unliebsamer Gast. Zu allem Überfluss ertönt regelmäßig ein bedrohliches Donnern in der Ferne.

triglav nationalpark sija slowenien

Erstmal den Etappensieg feiern.

wanderung auf den sija

Jetzt folgt die Ironie des Schicksals: Als wir uns schweren Herzens entschließen, den aktuellen meteorologischen Entwicklungen Sorge zu tragen, und den Vogel doch nicht mehr „zu machen„, brechen wir nichtsahnend eine Kette von nervenaufreibenden Ereignissen los. Weil wir die Wanderung nicht ganz glanzlos abbrechen wollen, gehen wir eine Route zurück, die, wie sich erst später herausstellt, technisch schwieriger wird: Es geht so steil bergab, dass wir auf dem Geröll immer wieder unkontrolliert ins Schlittern kommen. Wir kommen daher nur langsam voran und Aylin hadert zunehmend mit dem einhergehenden Gefühl des Kontrollverlusts. Der Abschnitt zieht sich und die drohende Dunkelheit sitzt uns inzwischen wie ein Schalk im Nacken. Der Blick zurück zu Aylin, die nur zaghaft vorwärts kommt: hochkonzentriert und langsam tastet sie sich voran. Meine Ansprache verwässert sich im Spannungsfeld eines Mitleidenden, der gleichzeitig anzutreiben versucht. Erinnerungen an unsere Andentour in Peru werden wach.

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Aylin + Steine, das passt nicht so gut.

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Das Unwetter im Blick.

Nach einem rutschigen Abstieg in ein Tal zelebrieren wir kurzfristig das wohlige Gefühl von Trittsicherheit, sehen uns jedoch alsbald mit einem weiteren „Aufreger“ konfrontiert: aus der Dämmerung stapft uns ganz gemächlich eine Kuhherde entgegen. Die wuchtigen Tiere werden auf uns aufmerksam und einige verlassen den ohnehin schmalen Pfad, um in unsere Richtung auszuscheren. „Sie spüren deine Angst“ und „wir müssen zeigen, dass wir die ranghöheren Tiere sind“ sind nur Auszüge meiner Weisheiten, die Aylin zu allem Überfluss auch noch über sich ergehen lassen muss. Allerdings verschaffen wir uns tatsächlich etwas Respekt, in dem wir in Manier von Alphatieren mit den Armen in der Luft herumrudern.

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Die „gefährliche“ Kuhherde.

Schnaps im Triglav Nationalpark

Ein einsames Haus umringt von sattgrünem Wald. Davor eine Frau, die unsere Frage beantwortet, bevor wir sie überhaupt stellen. Der Wunsch, endlich unsere Unterkunft zu finden, scheint uns ins Gesicht geschrieben, als wir uns mit müden und kurzfristig erwartungsvollen Augen nähern. „Gondola, Gondola“ sagt sie, und deutet auf einen der beiden Pfade, die sich hier aufspalten. Die Gondola, dafür muss man kein Slowenisch können, ist der ersehnte Lift, um den sich die Berghütten clustern.

Eine Stunde später erreichen wir entkräftet das Gasthaus. Eine lohnende Ankunft. Profane Dinge wirken jetzt herrlich wohltuend. Die warme Dusche, gemütliche Jogginghose, ein Abendessen-  was für ein Luxus, dass diese Annehmlichkeiten in genau diesem Moment zur Verfügung stehen. Ein Nachtisch aufs Haus, dann ein slowenischer Honigschnaps. Dann der Kräuterlikör. Auch landestypisch. Wir sinken tiefer in die schweren Holzstühle. Um uns herum ist es ruhig geworden. Die meisten Wanderer sind abgezogen, der Lift steht längst still. Kopf, Seele und Beine glühen. Nur das Feuer im Ofen lodert noch. Vogel, wir kommen nochmal wieder!

abendessen im triglav nationalpark

Schwere Kost im Triglav Nationalpark: eine Wurst (Žitna klobasa), Sauerkraut und Buchweizensterz (Ajdovi žganciist).

Kategorie: Europa, Slowenien

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Stefan ist ein echter Travel Enthusiast! Sprachen und Reisen sind seine Leidenschaft. Darum hat er auch Englisch und Spanisch studiert. Seit der Weltreise krempelt er seine Karriere gerade komplett um. Seine Lieblingsthemen: das Unbekannte und Outdoorabenteuer.

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