Reisegedanken
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Heimkehren Part 3: Nach der Reise ist vor…

Ein leeres Dokument. Stille. Der blinkende Cursor beunruhigt mich. Das Deckblatt steht und die harten Fakten meines Lebenslaufes auch. Meinen kleinen Systemausbruch betitele ich brav mit „Weltreise“. 1,5 Jahre voller bunter, intensiver Momente fasse ich in zwei Spiegelstriche zusammen: 1. Reise mit dem Rucksack durch Asien, USA und Südamerika. 2. Aufbau eines Reiseblogs: Today We Travel. Ziemlich banal und unspektakulär. Wie werden das wohl Arbeitgeber finden?

Aktuell ist Hamburg noch meine persönliche Transitzone: 2 Zimmer, Küche, Bad. Der Weg zum Supermarkt ums Eck. In Deutschland gibt es jetzt Netflix. Da draußen der Winter wütet und die Sonne sich rar macht, ergebe ich mich ziemlich widerstandslos dem Serien-Binge-Watching und schiebe die drängenden Fragen so vor mir her.

Was will ich jetzt machen?

Mein Lebenslauf ist schon ein wenig bunt, dutzende Praktika, ein breit gefächertes Studium, diverse Jobs: Ich habe gekellnert, Nachhilfe gegeben, Treppenhäuser geputzt, Torten gebacken, im Coffeeshop Milch aufgeschäumt, Obstkisten auf dem Wochenmarkt geschleppt. Sogar ein wandelndes Werbeschild war ich mal in der Fußgängerzone. Soviel zum inoffiziellen, wenig glamourösen Werdegang.

Und dann die „echten“ Jobs, die, die man offiziell im Lebenslauf reinschreibt: Praktikum in einer politischen Stiftung, Praktikum bei einem DAX 30 Konzern, Assistenz für einen UN-Politiker, zuletzt Personalreferentin.

Manche Leute schreiben Bücher darüber, wie sie sich auf Reisen selber finden. Aber die Frage ist doch die: kann ich mich auch auf Reisen verlieren?

Reisen wird mir viel zu oft als Selbstfindungstrip dargestellt. Mag ja auch für manche klappen. Ich hatte keine Erleuchtung unterwegs. Diese Annahme, man habe irgendeine Bestimmung, einen konsistenten Persönlichkeitskern, der einfach nur durch den Alltag überlagert ist und auf einer Reise dann befreit, lauthals hervortritt- diese Annahme teilte ich nie.

Haben wir nicht alle verschiedenen Herzen in unserer Brust, wie es schon Goethes Faust sagte? Und verändern wir uns nicht ständig, verhalten uns, je nach Kontext, mal so mal so?

Das einzige, was ich jetzt weiß, ist: Ich liebe das Reisen (noch mehr als vorher), bevorzuge einen minimalistischen, bewussten Lebensstil und möchte einfach so viel wie nur möglich in diesem Leben von der Welt sehen.

Die erste Bewerbung

Irgendwann also sitze ich vor dem leeren Blatt, tippe Wörter, lösche sie sofort wieder, tippe erneut. Nach den ersten Anschreiben sitzen ein paar Sätze, die sich ganz gut anhören. Und so fange ich einfach an, mein bevorstehendes Post-Weltreise-Leben in geordnete Bahnen zu lenken. Die Frage, was ich denn nun machen möchte, beantworte ich einfach nicht.

Ha, denn etwas hat sich doch durch die Reise verändert- ich bin lockerer geworden! Ich akzeptiere, dass es schon gut werden wird. Und wenn nicht- na dann hänge ich mich eben wieder rein, um es besser zu machen.

Ich schaue, was sich gut anhört, und schreibe einfach Bewerbungen. Das entspricht vielleicht nicht den Empfehlungen von Ratgebern und Karrierecoaches, aber zumindest der Wahrheit. Nach kurzer Zeit dann bereits die erste Nachricht auf meiner Mailbox: „Wir möchten Sie gerne kennenlernen.“ Aufregung. Spannung. Hoffnung. Ängste. Es geht voran im Projekt Heimkehr…

Dies ist der dritte Teil meiner Serie zum Thema Heimkehren nach unserer Weltreise. Wenn Du den ersten und zweiten noch nicht kennst, dann erfährst Du hier von der Ankunft am Frankfurter Flughafen und hier von meinem ersten Schock-Realisierungsmoment in Hamburg
Kategorie: Reisegedanken

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Aylin zählt sich zur Generation (wh)Y und liebt es, Dinge zu hinterfragen, herumzuphilosophieren und das Leben aus allen Perspektiven zu beleuchten. Gerne auch mit ihrer Kamera. Der zweite Kaffee am Frühstückstisch ist für sie der Inbegriff von Luxus (Zeit + Genuss = Lebensfreude). Wollte mit zart-naiven 16 Jahren mal Journalistin werden und die Welt retten, dieser Blog ist quasi die Erfüllung ihres Mädchentraums.

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