Italien, Portugal, Reisegedanken
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Gastbeitrag: Vom Reisen und Schreiben

sizilien klippen strand

Marc Bensch schreibt. Und er reist. Im Idealfall tut er diese Dinge gleichzeitig – weil dann beides besser wird – so die Hoffnung. Bereits 2012 zog er für 4 Monate nach Palermo, letztes Jahr fiel die Wahl auf Lissabon. Dort feilte er an seinem Roman während er die Stadt auf sich wirken ließ. Marc Bensch macht was ihm gut tut, so scheint es. Wir wollten wissen: wie sieht das Leben eines Autors auf der Suche nach Inspiration auf Reisen aus? Standesgemäß gibt Marc die Antwort in Textform: ein Gastbeitrag.

Das Ende hob ich mir bis zum Schluss auf. Das Ende, genauer: das westliche Ende des europäischen Festlands, Cabo da Roca, ist mit Küstenbahn und Bus etwa eine Stunde von Lissabon entfernt. Es wirkt, wie das mit Orten wie diesen nun mal so ist, ungemein anziehend auf Touristen. Doch wer ein wenig zu klettern imstande ist, kann sich dem Trubel entziehen. Das babylonische Sprachgewirr entzückter Selfieschießer verschwindet dann hinter den Felsen. Und in die Ohren dringt nur das Rauschen und Zerschellen der Wellen unter einem.

Es war im Frühjahr 2016, ich hatte gerade eine mitreißende Weltenbummlerin kennengelernt und Mallorca-Aufnahmen aus der Serie „The Night Manager‟ gesehen, da überkam mich das Gefühl, in die Ferne zu schweifen zu wollen, um in der Ferne zu schreiben. Ich war diesem Bedürfnis schon einmal gefolgt. 2012 zog ich für vier Monate nach Palermo, aus der Erfahrung heraus, wie inspirativ Tapetenwechsel sein können. Ich schrieb in einem kargen Zimmer mit Hinterhofblick, vermietet von einem kahlköpfigen kompakten Mann aus Corleone, und wenn mir danach war, ging ich hinaus und drauflos, ohne festes Ziel, unvoreingenommen und neugierig.

Sizilien Parco della Rocca (Cefalú)

Sizilien Parco della Rocca (Cefalú)

Zu Reiseführern habe ich ein ambivalentes Verhältnis. Ergüsse wie „Zehn Orte, die man gesehen haben muss“ rufen bei mir Reaktanz hervor. Ich lasse mir ungern vorschreiben, was ich zu erleben habe – und noch weniger, wie ich es zu erleben habe.

Es ist wie mit Filmen oder Büchern: Bevor ich sie sehe oder lese, möchte ich nicht gespoilert werden.

Ich möchte selbst entdecken. Wenn ich unterwegs bin, befreit von den Verpflichtungen des Alltags, möchte ich mich verlieren, um etwas zu finden. Ich suche Wasser und Höhe, um gemächlichen Atems in die Weite zu blicken. Weil Weite erdet.

Für Wasser, Höhe, Weite ist Sizilien ein wundervoller Ort. Nicht weit entfernt des bis zur Unerträglichkeit überlaufenen Taormina gibt es das entzückende Bergdörfchen Castelmola. Der Fußmarsch dorthin ist ein Höllenritt, aber als ich mit schweißdurchtränktem T-Shirt am Körper oben saß und runterblickte, hüpfte mein Herz. Ähnlich war es in den Gole dell’Alcantara, in die ich genauso zufällig geriet wie in den Parco della Rocca über Cefalú. In Lissabon, der Stadt der sieben Hügel, ist Höhe genauso allgegenwärtig wie der Fluss Tejo, der sich außerhalb der Stadt mit dem Atlantischen Ozean vereint.

Lissabon

Lissabon

Es ist ein Geschenk, sich mehrere Monate Zeit nehmen zu können, um fern der gewohnten Umgebung an einem Roman zu arbeiten. Man muss sich nichts vormachen: Es ist Arbeit. Es ist verdammt viel Arbeit. Sie verlangt Sitzfleisch und eine Fechtausbildung gegen Zweifel und Schreibblockaden. Und für den Fall, dass man irgendwann das Gefühl hat, der Roman sei fertig, kann man sich erst richtig auf Rückschläge gefasst machen. Zumindest dann, wenn Self-Publishing keine Option ist und man einen Verlag sucht, im Optimalfall einen renommierten.

Doch diese Arbeit ist getränkt mit Freiheit. Der Freiheit, einfach mal nicht zu schreiben, wenn Kreativität und Finger nicht rotieren möchten. Der Freiheit, in einem Gartensessel zu versinken und in die Sonne zu blinzeln, wenn Trägheit siegt und das schlechte Gewissen einem nicht zuflüstert, man müsse in der kurzen, kostbaren Urlaubszeit möglichst viel erleben. Oder der Freiheit, loszuziehen, um etwas zu entdecken, die Lösung für ein Plot-Problem, eine Tiefkühlpizza im Supermarkt oder eine Band von den Kapverden, die Ende Oktober auf dem Praça do Comércio den Sommer reanimiert.

Aber eigentlich spielt es keine Rolle, ob man vier Monate unterwegs ist oder nur ein verlängertes Wochenende.

Entscheidender ist, den Mut zu haben, eigenen Wegen zu folgen. Sich treiben zu lassen. Abenteurer zu sein. Auf die Gefahr hin, Dinge nicht zu sehen, die man „gesehen haben muss“. Aber mit der Chance, etwas viel Wertvolleres mitzunehmen: einzigartige Erinnerungen.

Sizilien: Gole dell’Alcantara

Sizilien: Gole dell’Alcantara

Marc Bensch (Foto: Tilo Schmidt)

Marc Bensch (Foto: Tilo Schmidt)

Marc Bensch, geboren an Silvester 1980, arbeitet als Schriftsteller, Journalist und Texter in seiner Heimatstadt Stuttgart und überall dort, wo es ihn hintreibt. Auf www.buchbensch.de/blog schreibt er regelmäßig über das Schreiben.

Kategorie: Italien, Portugal, Reisegedanken

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Stefan ist ein echter Travel Enthusiast! Sprachen und Reisen sind seine Leidenschaft. Darum hat er auch Englisch und Spanisch studiert. Seit der Weltreise krempelt er seine Karriere gerade komplett um. Seine Lieblingsthemen: das Unbekannte und Outdoorabenteuer.

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