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Das große Blutvergießen: eine Beerdigung bei den Toraja

Andere Kulturen kennenlernen zu wollen, ist ein ehrwürdiges Interesse. Und doch ist das mit dem Kulturtourismus, oft Minoritätentourismus, so eine Sache. Achtung, hier gibt es blutige Bilder- schwache Nerven sollten also zwei Mal überlegen, ob sie weiter klicken. 

Erstens hat es etwas Merkwürdiges an sich, Menschen bei irgendwelchen ethnisch markierten Tätigkeiten zu beobachten. Denn egal ob Backpacker, Bildungsurlauber oder Pauschalrundreisender: wir sind Außenseiter, die primär zum Gucken da sind. Dies führt, zweitens, häufig zur Inszenierung einer völlig authentischen Folkoreshow, die womöglich gar nichts (mehr) mit der gelebten Praxis zu tun hat. Da aber meine Neugierde die Skepsis überwiegt, begeben wir uns ins Zentralhochland Sulawesis, um an einer Beerdigung der Toraja teilzunehmen.

Tana Toraja Sulawesi

Der Umgang mit dem Tod

Paradoxerweise ist der Tod das Lebensereignis der Toraja: Kein stiller Abgang, sondern ein mehrtägiges, rauschendes Fest. Nene Joni (Oma Joni) ist vor einem Jahr gestorben. Bis zur heutigen Beerdigung allerdings galt sie nur als krank, lag mumifiziert im Haus ihrer Kinder und wartete auf ihren würdigen Abgang. Und der fällt pompös aus: Eine eigens gebaute Beerdigungsstätte mit dutzenden Bambusbühnen wurde errichtet. Hunderte Verwandte und Freunde sind angereist, um die Hinterbliebenen zu beschenken und Nene Joni ins Totenreich zu verabschieden. Büffel und Schweine werden vorgeführt, ein Moderator liest die Namen der Schenkenden laut vor. Papa Gris (Opa Gris) ist besonders großzügig, dutzenden Schweinen und Büffeln werden seine Initialen aufgesprüht.Der Wochenmarkt Rantepaos gleicht einer Büffelbörse. Überall ragen mächtige Hörner in den sattblauen Himmel. Harte Männer rotzen auf die Erde, während sie Preise verhandeln. Statt in Wertpapiere, Gold oder Immobilien investieren die Toraja in etwas Lebendiges: Büffel. Dieser sonderbare Markt ist aber nur der Auftakt.

Tana Toraja Sulawesi Büffel Toraja Büffelmarkt

Die Beerdigungszeremonie

Büffel- und Schweinekacke, Blut und Innereien überziehen den Boden. Der Geruch von verbranntem Haar liegt in der Luft. Meine Lippen schmecken nach Eisen. Schweine schreien, sie müssen Todesangst haben. Und das sollten sie auch: ein gezielter Stich, eine Blutfontäne spritzt empor und binnen weniger Minuten ist das Schwein zerlegt. Und auch Büffeln geht es (wortwörtlich) an den Kragen. Mit einem gezielten Schlag wird ihnen der Kopf abgetrennt, wenn es gut geht, geht es schnell. Zum ersten Mal sehe ich etwas, dass in Deutschland aus dem öffentlichen Raum verbannt ist: Töten. Den letzten Atemzug, den letzten Panikschrei eines Tieres, bevor es vor meinen Augen zuckend ausblutet. Ich gebe mir Mühe, Haltung zu bewahren, mir nicht Augen und Ohren zuzuhalten. Zuzusehen, ohne sofort zu bewerten.

Toraja Beerdigung Toraja Beerdigung Schweine

Meine Sorge auf einen Touristenzirkus zu treffen war unbegründet. Es stapfen ab und zu kakifarbene Touris über den Platz, immer auf der Suche nach dem krassesten (= blutigsten) Fotomotiv. Ich warte darauf, dass jemand den frisch abgeschlagenen Büffelkopf so stark anzoomt, dass das Objektiv in eine blutende Wunde reinmatscht. Ansonsten sind Touristen eine kleine, tolerierte Gruppe, die zwar keine Büffel oder Schweine schenken, aber durch ihre Anwesenheit den Toten ehren.

Toraja Büffel Beerdigung

Das Sozialsystem der Toraja

Die eigens für die Beerdigung errichtete Anlage platzt aus allen Nähten. Stundenlang laufen Gäste im Takt eines Gongschlags ein, übergeben Geschenke an die Kinder und Enkel von Nene Joni. Noch mehr Schweine werden hereingetragen. Eine Männergruppe tanzt singend auf dem Gabenplatz. Ein Schwein kriegt sich nicht mehr ein, es schreit unentwegt, bis ein Mann seine Fesseln löst. Die Beine sind abgeknickt, gebrochen, es robbt sabbernd nur ein paar Zentimeter vorwärts. „Hoffentlich wird es bald erlöst“ denke ich.

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Aber nicht jedes der Tiere wird geschlachtet. Die Beerdigungszeremonie ist nur der visuell eindrucksvollste Part eines ausgeklügelten sozialen Systems. Peinlichst genau wird jedes Schwein, jeder Büffel, notiert. Es entsteht eine Schuld dem Schenkenden gegenüber, so dass eigentlich jeder jedem Büffel oder Schweine schuldet. Wer klug ist, tötet also nicht alle Tiere, sondern verkauft einen Teil oder hütet und pflegt sie, um bei der nächsten Beerdigung das passende Geschenk parat zu haben. Der Tod ist zweifelsfrei ein spirituell zentrales Ereignis, allerdings auch Zentrum des wirtschaftlichen Handels und ein System der Sozialfürsorge innerhalb der Toraja Gemeinschaft.

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Ein kleines Abendritual auf unserer Reise ist die Frage: „Was fandest Du heute am Schönsten?“ Der Geruch von verbranntem Schweinehaar klebt noch in meinen Haaren, so dass der Begriff „Schön“ unpassend wirkt. Stattdessen diskutieren wir den Umgang mit dem Tod hierzulande und in Deutschland. Kommen nicht ganz überein, wie wir das Schlachten der Tiere einordnen. Fragen uns, wie die christianisierten Toraja die Rituale mit der Kirche vereinbaren. Wie so häufig gehen wir mit mehr Fragen als Antworten. Und das ist das Beste, was Kulturtourismus hervorbringen kann.

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Aylin zählt sich zur Generation (wh)Y und liebt es, Dinge zu hinterfragen, herumzuphilosophieren und das Leben aus allen Perspektiven zu beleuchten. Gerne auch mit ihrer Kamera. Der zweite Kaffee am Frühstückstisch ist für sie der Inbegriff von Luxus (Zeit + Genuss = Lebensfreude). Wollte mit zart-naiven 16 Jahren mal Journalistin werden und die Welt retten, dieser Blog ist quasi die Erfüllung ihres Mädchentraums.

5 Kommentare

  1. Sehr schöner Text. Ich war letztes Jahr ebenfalls in Tana Toraja und habe die vielen Reiseberichte und Meinungen zu den Ritualen verfolgt. Auch ich habe nicht den Eindruck, dass es sich um ein Touristenritual handelt und schon gar nicht, um ein blutiges Schauspiel zur „Aufgeilung der Massen“, wie ein anderer in seinem Blog schrieb. Tierschutz hin oder her, meiner Meinung nach steht das komplizierte soziale System an Schenken und Verschenken im Vordergrund und ich finde es schade, dass das viele Leute gar nicht so recht wahrnehmen.

  2. Ein wirklich sehr eindrucksvoller Text. Ich finde es sehr interessant wie entsetzt ich beim Lesen war und musste auf der anderen Seite direkt an die Massentierhaltung in unserem Land denken, von der jeder weiß, aber bei den wenigsten Entsetzen aufkommt.
    Außerdem bin ich immer wieder aufs Neue erstaunt darüber, wie groß der Unterschied von Kulturen doch ist. Da leben wir alle auf dem selben Planeten, atmen die selbe Luft, haben den selben Körper, die selben Grundbedürfnisse und doch führen wir ein vollkommen anderes Leben..
    Tausend Dank für diesen Beitrag, er hat mich wirklich zum Nachdenken angeregt.

    LG Mira

  3. Hallo Mira, ja, ja und nochmals ja 🙂 Mir hat der Tag bei der Beerdigung auch viel Grund zum Nachdenken gegeben. Vor allem war es die Herausforderung, mich nicht von dem Schlachten zu einem vorschnellen Urteil verführen zu lassen, sondern das gesamte System dahinter zu sehen. Danke für Dein Feedback, ich freue mich immer sehr über Resonanz 😉

    LG, Aylin

  4. Pingback: Phnom Penh: von geistiger Geschwindigkeit und Grausamkeiten | Today We Travel

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