Reisegedanken
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Reisegedanken in Ecuador

Unser Bus kurvt mit viel zu hoher Geschwindigkeit die Serpentinen entlang. Lesen oder gar etwas schreiben ist unmöglich, es schwankt und wackelt viel zu sehr. Wir befinden uns auf dem Weg nach Loja, Grenzstadt im Süden Ecuadors. Da sitzen wir also. Handlungsunfähig im Transitraum. Passiv weiterreisend. Gedanken ergreifen den zu füllenden Raum.

Erstmal Kopfhörer auf. Grenzenloser Optimismus, den Musik manchmal auslöst, durchflutet mich. Work hard, play hard. Work hard, play hard. Ich fühle mich unbesiegbar, plötzlich scheint alles möglich. Sämtliche Grenzen sind doch nur Gespinste- der trügerische Versuch meiner trägen Seele in ihrem Zustand zu verharren. Was alles möglich wäre, wenn man es nur mal machte! Wie häufig in meinem Leben habe ich etwas NICHT geschafft? Viel zu selten. Manchmal setze ich großartige Ideen gar nicht erst um, weil mir irgendetwas in meinem Kopf davon abrät. Ich sollte ein viel höheres Risiko eingehen, viel öfter einfach mal scheitern. So erfährt man etwas über seine realen Grenzen, denke ich.

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Das tiefgrüne, dicht bewaldete Bergland zieht an uns vorbei. Wie ich dasitze und „das Draußen“ nur noch peripher wahrnehme.

Die Fähigkeit aus mir selbst Optimismus und Zufriedenheit zu erzeugen werde ich mir bewahren. Sich selbst als Energiequelle zu nutzen ist unbezahlbar. Das ist schon in Ordnung, wie das alles läuft in meinem Leben. Wie viele Menschen schließen abends die Augen und denken das?

Der faltige Mann mit dem Cowboyhut neben mir blickt aus dem Fenster. Mir wird klar: Der sitzt ja jetzt auch nicht nur einfach so da. Jeder trägt immer seine Gedanken, seine Erfahrungen, sein Weltbild mit sich herum.

Ist ein Gespräch letztlich nicht jedesmal der Versuch Anerkennung für sein Weltbild zu erhalten? Sind sich zwei Menschen nicht immer dann sympathisch, wenn sie feststellen, dass sich ihre grundsätzlichen Konzepte darüber, was Wirklichkeit ist, ähneln? Einmal hat mich ein Gesprächspartner als sympathisch bezeichnet, obwohl ich vorher nichts zum Gespräch beigetragen hatte außer seine Überzeugungen anzuerkennen und seinen Humor zu verstehen. Das ist ja immer die Kunst: einen Menschen trotz unterschiedlichen Weltbildes zu mögen. Richtig und falsch greifen hier selten als Kategorien.

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Vor der Abfahrt hatten wir uns mit einem Mann aus Ecuador unterhalten. Er pilgert wegen der heiligen Jungfrau aus Cisne nach Loja. Diese wird den Gläubigen jährlich, im späten August, auf einem Umzug präsentiert. Und warum fahren wir nach Loja? Einfach so, weil wir seit einem Jahr durch die Welt reisen. Wie finanzieren wir uns das? Wir haben drei Jahre gearbeitet. Wir gehen wieder auseinander. Komische Menschen, denkt er wohl über uns.

Man genießt die Zeit anders wenn man weiß, dass sie begrenzt ist. Seit wir unseren Heimflug gebucht haben, verengt sich der Blick auf die verbleibende Reisezeit. Noch Peru, bisschen Bolivien, dann Argentinien und rüber nach Santiago. Wie ich gleich meinem Bruder geschrieben habe und wir so verfrüht, einfach aus der Sehnsucht heraus, ausgemacht haben, dass er mich dann am ZOB in Zuffenhausen abholt.

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Ein Junge mit großem Rucksack steigt zu. Er öffnet ihn und holt eine Großpackung Kaubonbons heraus. Jedem Fahrgast drückt er eine kleine Packung in die Hand. Wiederholt preist er diese als „un producto muy delicioso!“ an. Meine Mundwinkel ziehen sich nach oben.

In zwei Tagen sind wir schon in Peru. Wo waren wir gestern nochmal? Ach ja, in Cuenca. In Asien wurden Busse oft bis zum Zerbersten gefüllt; in Kolumbien und Ecuador hatten wir bisher immer einen eigenen zugewiesenen Platz. Welch Komfort.

Dann dieser verwegene, letztlich nur theoretische Wunsch, dass es plötzlich auf mich ankommt. Dass eine Notsituation mein Handeln erfordert und ich für das Wohlergehen aller Insassen des Busses verantwortlich werde. Irgendwas soll jetzt passieren, ich strotze vor Energie. Wie viele Filme so aufgebaut sind- der gewöhnliche Typ, durch Zufall plötzlich in der Verantwortung, muss eine drohende Gefahr abwenden (und schafft es).

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Aylin ist schlecht, sie verträgt diese rasanten Gebirgsfahrten nur auf nüchternen Magen. Auweia, wir haben noch ein paar Stunden vor uns und Busfahrten generell lassen sich auf dieser Südamerika Tour nun wirklich schwer vermeiden. Wie soll ich da helfen?

Über wie viele der Dinge, die einem den ganzen Tag so durch den Kopf gehen, spricht man eigentlich mit jemandem? Man sollte sich viel häufiger mitteilen, dem ganzen Wust an Gedanken mal Luft verschaffen. Die Leute, die sich ständig offenbaren sind bestimmt gesund im Geist.

Wie einfach es uns hier in Südamerika gemacht wird. Große Herausforderungen mussten wir bisher nicht meistern. Viele gehen erstaunliche Umwege um uns zu helfen. Hoffentlich wird das in Deutschland nicht komisch, diese Diskretion überall. Dass alles so steif wirkt. Was mir in den USA so gefallen hat: Die Leute jubeln, wenn man sich als world traveler vorstellt. In Deutschland muss man ergänzen, dass man sich den Status ehrlich erarbeitet hat.

Bin ich überhaupt auch so unterstützend zu Fremden?

Es wird uns sowieso einfach gemacht, uns in dieser Rolle der Reisenden, die so ganz der Selbstverwirklichung frönen, zu gefallen. Der Rassismus ist doch weltweit omnipräsent. Der helle Europäer reist, mitunter recht ungepflegt, durch Südamerika oder Asien und erfährt unverdiente Anerkennung. Auf beiden Seiten ist dieses unbewusst kolonialrassistische Denken oft erkennbar. Es stört mich immer, wenn Reisende ihr Fazit ziehen, dass diese eigentlich unterzivilisierten Einheimischen so liebenswert seien. Und andersrum, ganz plakativ: Ich will mal sehen, wie man in Europa auf einen Ecuadorianer reagiert, der jeden Preis aus purem Selbstverständnis herunterhandelt und am Bahnhof selbstgefällig auf dem Boden sitzt.

Wie unendlich privilegiert wir sind.

Leichter Nieselregen, die Tropfen rinnen die beschlagene Scheibe entlang. Stickige Luft. Warum öffnet niemand das Fenster? Ich öffne das Fenster.

Bald kommen wir an. Dann nur noch ein Taxi ins Zentrum nehmen und eine Unterkunft beziehen. Für mich einer der gemütlichsten Reisemomente: dann nochmal losziehen. Nach einem langen Reisetag Abendessen zu gehen in der beruhigenden Gewissheit, dass bereits geklärt ist, wo man sich später bettet.

Ankunft. Jawohl, schon da! Aylin muss die Fahrt ewig vorgekommen sein. Bevor wir weiterziehen, sehen wir zu, dass sie sich wieder ein wenig berappelt.

Zeit ist tatsächlich relativ.

Ich hole ihr erstmal eine Cola. Beim Davonlaufen denke ich, Mensch, meine Gedanken sollte ich mal aufschreiben.

Kategorie: Reisegedanken

von

Stefan ist ein echter Travel Enthusiast! Sprachen und Reisen sind seine Leidenschaft. Darum hat er auch Englisch und Spanisch studiert. Seit der Weltreise krempelt er seine Karriere gerade komplett um. Seine Lieblingsthemen: das Unbekannte und Outdoorabenteuer.

5 Kommentare

  1. Stefam sagt

    Deine Gedanken gleich aufzuschreiben, war gute Idee – nach einer weile würden sie sonst vielleicht vom verstand zerpflückt, rationalisiert, bewertet; da bliebe im Zweifel wenig übrig. so aber ist alles gut – danke für den Einblick in Deine Welt.
    Deine Gedanken; sie ehren Dich, mein Freund!

  2. Danke Stefan! Diese Gedanken sind echt etwas ganz rohes und wenig sortiert. Aber es fasziniert mich immer wieder was einem ständig alles in den Kopf schießt wenn es mal ruhig um einen wird.

  3. Danke für’s Gedanken teilen! Lese schon eine Weile euren Blog mit und mag eure Art zu schreiben, reisen und zu denken wirklich sehr, sher persönlich und tiefgehen. Ich kann’s kaum erwarten selbst loszuziehen. Grüßle aus Stuttgart! 🙂 Dani

  4. Pingback: Der Rausch des Reisens | Today We Travel

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