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So schreibst du packende Reiseberichte

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Möchtest du spannendere Reiseberichte schreiben, die deine Leser so richtig packen? Mit diesen Tipps werden sich deine Texte dramatisch verbessern!


Reiseberichte faszinieren mich. Ganz gleich ob Meilenstein der Reiseliteratur oder unbekannter Reiseblog: Wenn jemand über das Reisen schreibt, weckt das immer meine Neugierde.

Mich fasziniert, welch unglaubliches Potential in dieser scheinbar simplen Prämisse steckt: Jemand verlässt sein vertrautes Umfeld und erzählt davon. Und doch gibt es gewaltige Unterschiede bei Reiseberichten. Die einen fesseln, die anderen langweilen mich.

Was unterscheidet diese Reiseberichte voneinander? Wann ist ein Reisebericht wirklich gut?

Bevor wir einsteigen: Ich selbst bin meilenweit davon entfernt, perfekt schreiben zu können. Es wird in dem Artikel vielmehr um Regeln und Theorien gehen, die ich selbst in den letzten Jahren anderswo aufgeschnappt habe und sehr hilfreich fand.

Ganz grob kann man die Gattung Reisebericht in zwei Kategorien einteilen: Auf der einen Seite sind Reiseberichte, die eher als Ratgeber funktionieren sollen. Jemand war in Barcelona und schreibt danach, wo es den besten Kaffee gibt oder fertigt eine Top 10 Liste seiner „ultimativen Highlights“ an. Das Internet quillt über mit solchen Artikeln. Doch sie haben ihre Berechtigung, denn die meisten Menschen suchen im Netz nach ebensolchen Listenartikeln.

Tipps für’s Storytelling

Hier soll es aber um eine andere Art des Reiseberichts gehen: Das Erzählen einer packenden Geschichte von unterwegs.

Wie erzählt man von seiner Reise so, dass es andere interessiert?

Das Gute vorweg: man muss keine aberwitzige Extremtour machen, um einen fesselnden Reisebericht zu schreiben. Klar, es hilft, wenn man von außergewöhnlichen Erlebnissen berichten kann. Aber gerade jene Reisen, die vordergründig unspektakulär wirken, bieten ganz besonderes Potential für irre gute Berichte. Warum? Weil man noch genauer hinsehen muss. Doch dazu später mehr.

Reiseberichte sind Kunst. Und um besondere Kunst zu schaffen, kann man mitnichten eine Anleitung abarbeiten, wie bei einer Überraschungs-Ei-Figur. Daher wird es diese hier nicht geben. Trotzdem gibt es ein paar Grundregeln, die ich mit euch teilen möchte. Was nicht bedeutet, dass richtig eingesetzt, auch der Bruch mit den Regeln sehr effektiv sein kann.

Der erste Tipp: Ich habe mal vorweg, um „den aktuellen Forschungsstand“ zu sichten, die Suchmaschine mit den Begriffen „Tipps Reisebericht Schreiben“ gefüttert. Macht das ja nicht nach! Da kommt auf den ersten Seiten nichts Gutes bei raus. Hier nur zwei der sogenannten „Tipps“:

„Am Anfang Ihres Berichtes sollten Sie zuerst einmal das Reiseziel vorstellen oder mindestens kurz auf die geografische Lage und das Klima eingehen.“

„Das Thema des Reiseberichtes ist das Land oder die Stadt, die bereist wurden. Meist beginnt der Reisebericht mit der Ankunft am Urlaubsort und berichtet sowohl über die Unterkunft und die Verpflegung als auch über die wichtigsten Sehenswürdigkeiten und Besonderheiten des Zielortes.“ 

Ihr merkt wohin die Reise geht. Wir sind wohl auf uns allein gestellt. Los geht’s!

Die Grundlagen des guten Schreibens

Bevor wir ans Eingemachte gehen, ein paar kurze, aber wichtige Tipps. Diese gelten nicht nur für Reiseberichte sondern für das Schreiben im Allgemeinen.

#1 Lese viel, schreibe mehr. Dazu muss man nicht viel sagen. Übung den Meister.

#2 Gehe mit offenen Augen durch die Welt. Gutes Schreiben hat viel mit Detailarbeit zu tun. Lerne auf Kleinigkeiten zu achten. Beobachte Menschen. Achte darauf, was sie einzigartig macht. Kauf dir ein Notizbuch (oder nimm ’ne Notizen-App) und halte fest: Dinge, bei denen du schmunzeln musst, kuriose Alltagsbegegnungen und vermeintliche Kleinigkeiten, die dir den ganzen Tag durch den Kopf gehen.

#3 Respektiere deinen Text. Lies ihn mehrfach. Auch mit den Augen eines Fremden. Vermeide Rechtschreibfehler, achte auf Absätze und die Struktur. Hol dir Feedback von anderen ein, wie wirkt der Text auf sie?

#4 Sei präzise: Schöpfe aus deinem ganzen sprachlichen Repertoire. Probiere Wörter und Formulierungen so passend wie möglich zu wählen. Vermeide überflüssige Wörter, die inhaltlich wertlos sind: „Meine allererste Reise war eigentlich ziemlich bedeutsam“.

#5 Aktiv statt passiv: Die Erzählung wirkt dadurch dynamischer. Aus dem gleichen Grund ist auch die direkte Rede besser als die indirekte Rede.

Tipp 1: Klingt nett, aber was denkst du wirklich?

Kennst du das, wenn jemand über eine Sache spricht und du das Gefühl hast, nicht eine persönliche Ansicht zu hören, sondern so eine Art „gängige Mehrheitsmeinung“? Dinge, die einfach so dahingesagt werden, als seien sie zementierte Wahrheiten. „Montags is immer schwer“, „im Süden sind die Leute auch lockerer“ oder „Jugendliche werden auch immer frecher“. Verbales Gift für ein konstruktives Gespräch, da die Wirklichkeit viel nuancierter ist, als diese Aussagen uns weiß machen wollen.

Wir Menschen sind komplexe, facettenreiche, widersprüchliche Wesen und genau so ist die Welt da draußen.

Was hat das mit Reiseberichten zu tun? Nun, solche Allgemeinaussagen wirken gerade hier extrem langweilig. Da hatte man eben eine „beschwerliche Anreise“, aber später hat dann der „wunderschöne Sonnenuntergang“ für einen „anstrengenden Aufstieg entschädigt.“ Es ist verlockend so zu formulieren, weil es schnell von der Hand geht und irgendwie auch stimmt.

Hör tiefer in dich hinein: was hat dich wirklich fasziniert an diesem Tag? War der Sonnenuntergang ehrlicherweise das Highlight oder schreibst du nur darüber, weil es irgendwie ein ungeschriebenes Reisegesetz ist, diesen abzufeiern? Meist mache ich den Test: welche Bilder schießen mir als Erstes in den Kopf, wenn ich auf Reisen abends die Augen schließe? Meistens sind das die Themen, die mich wahrhaftig berührt haben.

Welche Eindrücke haben dich auf Reisen bewegt?

Wenn du doch beim Sonnenuntergang bleibst, ist das vollkommen in Ordnung. Aber überlege dann, warum genau dieser so besonders war.

Abschließend, um mein Argument rund zu machen, noch ein paar passende Worte von Gustave Flaubert:

„Es geht darum, alles, was man darstellen möchte, lang genug zu betrachten, um darin einen Aspekt zu entdecken, der noch nie von jemandem erkannt und ausgesprochen wurde. In allem liegt Neuland, weil wir gewohnt sind, unsere Augen nur mit Erinnerung an das zu nutzen, was vor uns über den Gegenstand unserer Betrachtung gedacht wurde. In der geringsten Sache steckt etwas Unbekanntes. Finden wir es.“

(Quelle: Katrin Zeug: Wie das Schreiben das Denken verändert. Zeit Online)

Es sind die kleinen Dinge, die beim Schreiben den Unterschied machen.

Tipp 2: Die Mitte ist dein Feind

Lass mich kurz erklären warum. Stell‘ dir vor, du hast eine Reise nach Berlin unternommen, das Nachtleben in Kreuzberg hat’s dir angetan, jetzt willst du darüber schreiben. Wie gehst du vor? Beziehungsweise, wie weit zoomst du in das Erlebte ein?

Mein Tipp: Zoome entweder ganz nah ein oder ganz weit aus. Aber hüte dich vor der Mitte der Absraktionsleiter.

Ganz nah: Welche Details sind dir in den Bars aufgefallen? Hast du schräge Typen kennengelernt? Was haben diese konkret unternommen, das man als schräg bezeichnen könnte? Gib Gespräche in direkter Rede wieder. Kannst du die Partynacht anhand einer kuriosen Szene beschreiben, die den ganzen Abend perfekt versinnbildlicht?

Ganz weit weg: hier geht es eher um abstrakte Konzepte, als um konkrete Erlebnisse. Beziehe diese Konzepte auf deine eigene Reise. Hab ich den „American Dream“ in den USA gefunden? War Berlin wirklich „arm aber sexy“? Was hat es mit „Pura Vida“ in Costa Rica auf sich? Oder ganz allgemein: Habe ich auf der Reise gefunden, was ich gesucht habe? Freiheit? Zerstreuung? Sonstige Erkenntnisse?

Und was ist jetzt so gefährlich daran, mittelweit einzuzoomen bei Reiseberichten? Meist wirkt das einfach sehr floskelhaft, ähnlich wie in einem Reisekatalog. Der Erkenntnisgewinn für den Leser ist außerdem gering. Bei unserem Berlin-Beispiel würde das in etwa so klingen: „Das Kreuzberger Nachtleben besticht durch eine tolle Atmosphäre und sein internationales, junges Publikum. Wir haben uns in die umtriebige Gastro-Szene gestürzt und waren schwer begeistert.“ Gähn. Bloß nicht. Das erzeugt keine Bilder im Kopf des Lesers und solch eine beliebige Beschreibung gilt wohl für die meisten europäischen Großstädte.

(Die Theorie mit der Abstraktionsleiter habe ich hierher: Roy Peter Clark: Die 50 Werkzeuge für gutes Schreiben.)

Tipp 3: Sei einfach du selbst

Zugegebenermaßen finde ich diesen Tipp in den meisten Lebenslagen unbrauchbar. Was soll jemand, der sich in einer Sache verbessern möchte, denn nun tun, wenn er das gesagt kriegt? Schließlich war er sein ganzes Leben lang er selbst und hat nun den Wunsch zur Veränderung.

Im Bezug auf Reiseberichte ist dies allerdings essentiell. Denn ein Leser hat ein sehr feines Gespür dafür, ob jemand authentisch reflektiert oder sich nur inszenieren möchte. Wenn ich merke, das Letzteres der Fall ist, verliere ich sofort das Interesse. Der Verfasser bewirkt also genau das Gegenteil von dem was er erreichen wollte: er büßt Respekt ein.

Aber auch aus einem sehr pragmatischen Grund ist es wichtig, Reiseberichte authentisch zu verfassen:

Betrachte deinen Reisebericht wie einen Kinofilm oder einen Roman. Was haben alle besonders packenden Geschichten gemeinsam? Genau: Der Hauptdarsteller wird als komplexes Wesen gezeichnet. Mit Stärken und Schwächen, moralischen Überzeugungen und Werten. Er gerät in Krisen, muss sich seinen Ängsten stellen oder schwierige Entscheidungen treffen. Und das Wichtigste: Wir erfahren, was ihn antreibt.

Übernimm dieses Wissen für deine Reiseberichte! Beschreibe nicht nur was du gemacht hast, sondern stelle es in Bezug zu deinem Menschen- und Weltbild, zu deiner Auffassung von Moral und Ethik. Welche Emotionen hattest du und warum? Mit welcher Motivation bist du auf die Reise gegangen und wurde diese erfüllt? Was ist schiefgegangen, worauf bist du stolz?

Beschreibe deinen Umgang mit Fremdheit authentisch.

Anmerkung: Natürlich muss jeder selbst entscheiden, wieviel er von sich preisgibt im Netz. Der Anspruch auf Authentizität hat allerdings nichts damit zu tun, Privates nach außen kehren zu müssen.

Tipp 4: Wofür brennst du?

Ein Tipp für das Schreiben und das Reisen an sich: Tu was dich interessiert, du bist niemandem Rechenschaft schuldig! Vergiss die kleine „Das sollte man aber schon gesehen haben“ – Stimme im Hinterkopf. Tauch‘ dort ein, wo dich deine Neugier hinführt.

Tu was dir gefällt und schreibe darüber.

Wieviel Leidenschaft soll in deinem Reisebericht stecken, wenn du nur pflichtbewusst Sehenswürdigkeiten abklapperst, die dich nicht wirklich reizen? Habe den Mut deiner Leidenschaft zu folgen! Man man merkt einem Reisebericht die Emotionen des Autors an.

Du bist überzeugender, wenn du über Dinge schreibst, die dich bewegen, umtreiben, rühren, freuen oder aufregen.

Außerdem: Oft sind die Geschichten hinter den Geschichten die spannendsten. Sei in sogenannten „Leerphasen“ aufmerksam. Unterhalte dich mit Fremden, stelle ihnen offene Fragen über ihre Sicht auf das Leben und die Dinge. Schau dich an Bahnhöfen, Flughäfen, in Läden und auf öffentlichen Plätzen um. Die besten Storys entstehen spontan und unerwartet.

Unterhalte dich mit so vielen Menschen wie möglich, stelle ihnen offene Fragen und mache dir Notizen.

 

Genug Theorie! Jetzt wünsche ich dir viel Spaß beim Schreiben! Hab‘ ich was vergessen? Hast du noch andere Tipps, um das Schreiben zu verbessern? Fragen? Ab damit in die Kommentare! Willst du einen gelungenen Reisebericht teilen – lass‘ gerne den Link da!

Hier sind ein paar handverlesene Buchempfehlungen für besseres Schreiben. Alle selbst gelesen und für gut befunden:

Roy Peter Clark: Die 50 Werkzeuge für gutes Schreiben. (Autorenhaus Verlag, 22,99€) – Das Handbuch für Autoren, Journalisten und Texter hat mir sehr geholfen. Kurze, knackige Kapitel mit hilfreichen Anregungen – immer belegt mit Beispielen. Top Empfehlung!

Wolf Schneider: Deutsch für junge Profis: Wie man gut und lebendig schreibt (Rowohlt, 9,99€) – Perfekt zum Einstieg. Sehr hilfreich und gleichzeitig unterhaltsam. Schneider gilt als „bester Deutschlehrer“ und renommiertester Stilkritiker der Republik.

Hans-Josef Ortheil: Schreiben auf Reisen: Wanderungen, kleine Fluchten und große Fahrten – Aufzeichnungen von unterwegs (Duden, 14,95€) – Aus der Reihe „kreatives Schreiben“ des Duden. Keine Gewöhnliche Schreibanleitung, es geht auch darum, die Sinne zu schärfen und aufmerksam durch die Welt zu gehen.

Übrigens: Wir veröffentlichen Reiseberichte nicht nur auf diesem Blog – auch im Buchhandel findet man uns! Zum Beispiel hier:

101 Dinge, die ein Weltenbummler wissen muss (Bruckmann, 14,99€) – Unser praktischer Ratgeber für alle, die genauso gerne Reisen wie wir. Hier bleibt keine Frage unbeantwortet!

The Travel Episodes: Geschichten von Fernweh und Freiheit (National Geographic, 15€) – Eine literarische Weltreise. Ausgewählte Autoren erzählen ihre aufregendsten Geschichten von unterwegs. Unser Beitrag handelt vom Gefühlschaos nach einer Langzeitreise.

The Travel Episodes: Neue Reisegeschichten von allen Enden der Welt (National Geographic, 15€) – Bereits der dritte Band der Erfolgsreihe. Unser Beitrag aus Wales erzählt von der Inspiration bei endlosen Wanderungen durch den Snowdonia-Nationalpark.

Kategorie: Reise-Know-How, Reisegedanken

von

Stefan ist ein echter Travel Enthusiast! Sprachen und Reisen sind seine Leidenschaft. Darum hat er auch Englisch und Spanisch studiert. Seit der Weltreise krempelt er seine Karriere gerade komplett um. Seine Lieblingsthemen: das Unbekannte und Outdoorabenteuer.

4 Kommentare

  1. Hey Stefan,

    noch ein Tipp von mir: Constantin Seibt – Deadline.
    Ich würde sagen: eine Bibel. Und sehr unterhaltsam!

    Schöne Grüße,

    Philipp

    • Stefan sagt

      Danke für den Tipp, Phlipp! Klingt spannend und wird sofort angeschafft!

      Beste Grüße

  2. Das Klima und die geografische Lage interessiert gar niemanden?
    Dann schreibe ich halt, was es zum Frühstück gab 😉

    Anyway, tolle Tipps.
    Darf ich zum Schreibstil noch den Hemmingway Editor empfehlen? Im Deutschen leider nicht so funktionell wie im Englischen: http://www.hemingwayapp.com/

    Übrigens, ich selbst habe mich vom Reiseberichte Schreiben verabschiedet. Ist mir zu hardcore, so viel Herzblut hab ich net 😉

    • Stefan sagt

      Hey Flo,

      schreiben wie Hemingway dank einer App? Schöne neue Welt 😉 Werde ich mir gerne mal ansehen.

      Vielleicht steigst du ja später wieder ein und berichtest rückblickend von deinem Leben als Dauerreisendem – genügend Material müsstest du ja haben!

      Liebe Grüße!

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