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Städtereise Lviv: Kirchen, Kaffee und Kultur {Lemberg | Ukraine}

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Lviv, Lvov, Lemberg- wie auch immer man sie nennen möchte, diese Stadt im Westen der Ukraine ist ein echtes Juwel! Sowohl architektonisch als auch atmosphärisch überzeugt uns Lviv: die Altstadt ist seit 1998 Unesco Weltkulturerbe und durch die Gassen zieht der Duft von Kaffee und Schokolade. Noch ist Lviv ein Geheimtipp, aber das wird sich sicher bald ändern.

„Na, wie war die Zugfahrt?“ begrüßt uns Peter mit einem breiten Lächeln. Wir sehen uns zum ersten Mal persönlich, nachdem er mir in den letzten zwei Wochen immer wieder Tipps für ukrainische Busfahrpläne und Orte via Facebookchat gab. Wir springen durch den tobenden Regen in das nächste Taxi. Peter lebt seit über zwei Jahren in Lviv und hat erfolgreich seine Reiseagentur Lviv Buddy aufgebaut. Obwohl er schon in über 50 Ländern unterwegs war, war Lviv vielleicht sein Schicksal, denn Peter hat neben Journalismus auch Kulturwissenschaft mit dem Schwerpunkt auf Osteuropa studiert. Wir haben also das Glück mit einem richtigen Experten unterwegs zu sein.

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Zwischen Europa & Russland

Lviv ist die wohl charmanteste Stadt der Ukraine: Kopfsteinpflaster, pastellfarbene, verwaschene Altbaufassaden und prunkvolle Gotteshäuser zeugen vom europäischen Erbe der 750.000 Einwohner Stadt. Die Altstadt ist darum seit 1988 Teil des Unesco Weltkulturerbes, denn nirgendwo sonst in der Ukraine sieht man die Vermischung von österreichischen, italienischen und osteuropäischen Stilen so herrlich erhalten.

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Die Lemberger Oper wurde 1895 erbaut. Der polnische Architekt Zygmunt Gorgolewski orientierte sich an der Wiener Hofoper. Touren kosten 40 UAH (1,25 Euro), Operntickets ab 50 UAH (2 Euro). Zum Spielplan und Tickets der Lemberger Oper.

Die Stadt im Westen der Ukraine hatte bereits viele Herrscher und damit auch Namen: die Polen nannten sie Lwów, die Österreicher Lemberg, die Russen Lvov, die Nazis kehrten zu Lemberg zurück, zu Sowjetzeiten hieß die Stadt dann wieder Lvov. Seit der Gründung der Ukraine 1991 ist Lviv nun Lviv und hat sich rasant zu einem Touristenliebling entwickelt. 2017 verzeichnete die Stadt bereits 2,5 Millionen Besucher. Darunter vor allem Einheimische Touristen, aber zunehmend auch Besucher aus Polen, Ungarn, Deutschland. Trotzdem gilt Lviv immer noch als Geheimtipp- denn die Ukraine ist ein eher unübliches Reiseziel. Das liegt wohl auch an unserer verzerrten Wahrnehmung: Wenn man an die Ukraine denkt, dann an die blutige Euromaidan-Revolution, die russische Annexion der Krim und den Krieg in Donezk und Luhansk.

Die Dunkelheit bricht bereits ein und wenn es nicht in Strömen regnen würde, würde ich nun die nächtlich erleuchtete Stadt erkunden. Stattdessen kehren wir im Lviv Beer Theatre ein. Erstaunlich schnell steigt mir der Alkohol zu Kopf, wir reden hitzig über den Krieg in der Ostukraine, den US Wahlkampf von 2016, russische Propaganda und ukrainische Separatisten. Auch wenn der Krieg im Osten der Ukraine über 1000km entfernt ist, ist er doch präsent. Lviv gilt als Hochburg ukrainischer Nationalisten. Wir begegnen Soldaten auf der Straße, Militärplakate hängen in der Stadt und wenn wir russisch sprechen würden- in Lviv käme das nicht so gut an.

Lviv’s Altstadt

Am nächsten Morgen pocht mein Kopf noch, als wir uns mit Nastya zur Stadtführung treffen. Die Gewitterwolken ziehen sich glücklicherweise-im Gegensatz zu meinem Kater- zurück.

Lvivs Altstadt ist auf wundersame Weise weder durch die zwei Weltkriege, noch von der Modernisierungswut der Sowjetunion zerstört worden. Für Architekturbegeisterte ist das Zentrum eine Schatzkammer: Renaissance, Barock, Klassizismus. Dazwischen rattert die in die Jahre gekommene Straßenbahn durch die Stadt. Für das Auge ist Lviv ein opulentes Fest. Selbst wenn man nur wenige Kilometer läuft, fühlen sie sich nach mehr an: wir sehen uns an den unzähligen Kirchen, prachtvollen Kaufmannshäusern und einladenden Cafés satt.

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Rynok Square.

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Lviv kulinarisch

Nachdem der Kopf voll von Eindrücken ist, ist nun der Magen dran: Es geht zur Foodtour mit Peter und Uliana. Unser erster Stopp ist ein Markt. Uns fallen die kleinen Stände älterer Frauen auf, die Beeren und pralle Pfirsiche verkaufen.

„Die Renten sind extrem gering, die meisten bekommen nur 50 Euro im Monat. Darum ist es gut, hier einzukaufen, um die Rentner zu unterstützen.“

Wir kaufen Himbeeren von einer kleinen, knuffigen Frau. Die Himbeeren stammen aus ihrem Garten, hier ist das Obst tatsächlich regional und bio- ganz ohne Label.

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Die Erde der Ukraine gilt als besonders fruchtbar, weshalb die Ukraine auch die „Kornkammer der Sowjetunion“ genannt wurde. Das ist auch heute noch erkennbar: während unserer Zugfahrten sehe ich draußen unzählige Bauernhöfe vorbeiziehen. Äpfel, Aprikosen und Birnenbäume zieren die Vorgärten. Meist stehen noch ein paar vereinzelte Ziegen umher oder eine Schar Hühner pickt im Gras. Nach Massenwirtschaft sieht das meist nicht aus- eher nach Menschen, die gelernt haben, sich selber zu versorgen.

Wir futtern uns gemeinsam durch die Stadt: vom deftigen Borschtsch über herzhafte und süße Wareniki bis hin zum -zugegebenermaßen gewöhnungsbedürftigen- Salo ist alles dabei und wir bald pappsatt.

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Wareniki sind gefüllte Nudeltaschen. Traditionell werden sie mit Kartoffeln, Pilzen oder Fleisch gefüllt.

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Horilka (Vodka) und Salo (Schweinespeck). In der Ukraine ist Salo sehr beliebt, für uns etwas gewöhnungsbedürftig.

Mehr als nur hübsch anzusehen

Über 400 Stufen hinauf muss man steigen, um vom Rathausdach eine 360 Grad Aussicht zu genießen. Während wir aus 65m Höhe die Miniaturmenschen und Straßenbahnen beobachten, ziehen wir ein Fazit zu unserem Lviv Besuch. Im Vergleich zu den anderen ukrainischen Städten, die wir auf unserer 2,5 wöchigen Reise durch die Ukraine besuchten, ist Lviv definitiv die hübscheste Stadt.

Wer Lviv richtig kennenlernen möchte, sollte aber hinter die pastellfarbenen Fassaden blicken, mindestens einmal raus in die Plattenbausiedlungen fahren und sich auch mit der bewegten Geschichte der Stadt -und damit der Ukraine- befassen. Denn genau diese Zwischenposition, dieser fließende Übergang von Europa zu Russland, ist faszinierend.

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Die sowjetische Seite von Lviv, etwas außerhalb des Stadtzentrums. | Naukova Street

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Naukova Street | Ecke Knyahyni Ol’hy Street. Später sehe ich bei Google Maps, dass sich irgendwo zwischen diesen Plattenbauten eine Vorschule namens „Rainbow“ befindet.

Tipps für einen Städtetrip nach Lviv

#1 Stadtführungen mit Lviv Buddy

lviv buddy free walking tour Free-Walking Tour: Unterhaltsam, informativ und kompakt- so sind die kostenlosen Walking-Tours von Lviv Buddy. Perfekt, um die Stadt kennenzulernen, andere Reisende zu treffen und sich von Locals Tipps geben zu lassen. Hier geht es zu den Free-Walking Tours von Lviv Buddy.

Food-Tour: Wir lieben Essen! Bei der kulinarischen Stadtführung besucht man einen Markt und lernt die Klassiker der ukrainischen Küche kennen. Am Ende ist man glücklich und satt. Hier geht es zur kulinarischen Tour durch Lviv von Lviv Buddy.

#2 Rynok Platz (Ploshcha Rynok)

Der alte Marktplatz ist das Herz der Altstadt von Lviv. 40 prächtige Herrenhäuser säumen den Platz, jedes erzählt eine andere Geschichte. Das aktuelle Rathaus (Ratusha) wurde 1835 erbaut. Der Blick vom 65-Meter-hohen Turm ist gigantisch. Dafür muss man über 400 Stufen erklimmen. Eintritt: 20 UAH (rund 0,65 Euro).

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Pastellfarbene Fassaden am Rynok Square.

#3 High Castle Hill

Nördlich des Rynok Platzes thront eine ukrainische Flagge auf einem Hügel: Dem High Castle Hill. Von hier hat man eine tolle, kostenlose Aussicht auf Lviv- vor allem die Plattenbauten in der Ferne sind besser zu sehen, als vom Rathaus aus. Zu Fuß läuft man etwa 2km vom Zentrum aus.

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Trubel auf dem High Castle Hill.

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Blick vom High Castle Hill.

#4 Lychakivsky Friedhof

Dieser Friedhof erzählt die Geschichte der Stadt. Angelegt wurde der Lychakivsky Friedhof Ende des 18. Jahrhunderts. Auf 42 Hektar liegen ukrainische Berühmtheiten, wie der Dichter Ivan Franko, Akademiker, Opfer der Weltkriege und auch gefallene Soldaten des aktuellen Ostukrainekrieges. Die Gräber schmücken teilweise sehr aufwendige Statuen. Damit erinnert der Lychakivsky Friedhof an den Pére Lachaise in Paris oder La Recoleta in Buenos Aires. Anfahrt: Straßenbahn Nr. 7 | Eintritt: 25 UAH (rund 0,80 Euro).

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Viele der Gräber zieren Fotos der Verstorbenen, anhand der Namen erkennt man die ethnische Vielfalt der Stadt.

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Restaurant & Café Empfehlungen

Lviv ist für Foodies ein kleines Paradies. Unsere Lieblinge sind:

#1 Svit Kavy

Modernes Interieur, hervorragender Kaffee und leckerer Kuchen. Perfekte Lage zum People Watching. Adresse: Rynok Square 30.

#2 Facet

In der ohnehin unbedingt sehenswerten Künstlerstraße Virmensk’a 28 befindet sich das Facet. Hat den Charme eines Literatencafés, in dem man sowohl Kaffee als auch ein Bier trinken mag.

#3 Virmenka {Armenian Coffee}

Seit 1979 treffen sich hier Hippies und Kreative auf einen starken, türkischen Kaffee. Original schwarz-weiß Fotos säumen die Wände. Auch heute wird der Kaffee im Virmenka nach alter Tradition in Sand gekocht. Adresse: Virmens’ka 19. 

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Kaffeekultur wird in Lviv groß geschrieben. Im Cafe Virmenka gibt es türkischen Kaffee.

#4 Marusia

Kreative, moderne Vareniky- frisch und handgemacht zu einem sehr guten Preis. Auch die hausgemachte Limonade ist fruchtig-frisch! Das Marusia liegt an einer Passage, in die man nur zu Fuß kommt. Auch die Restaurants und Cafés neben dem Marusia sahen einladend aus. Adresse: Kryva Lypa Passage, 3

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#5 Pravda Beer Theatre

Alleine wegen der kreativen, politischen Biernamen und Etiketten sollte man einmal ins Pravda Beer Theatre reinschauen. Von Sonntag bis Dienstag spielt abends das hauseigene Orchester.

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#6 Trapezna Idey

Borschtsch, mit Käse gefüllte Vareniky und Banosh (Polenta mit Käse) gibt es in diesem urigen Restaurant. Das Trapezna Idey befindet sich in einem Keller und ist von außen nicht leicht zu erkennen. Adresse: Valova 18A

Unterkunft & Hotel Tipps

Im Zentrum: Jam Hotel

Im Zentrum befindet sich das Jam Hotel. Moderne, loftartige Zimmer und sehr leckeres Frühstück, das aufs Zimmer gebracht wird. Doppelzimmer ab 45 Euro/ Nacht inkl. Frühstück.

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Stylische, moderne Zimmer im Jam Hotel.

In Flughafennähe: Ürban Hotel

Wer Lviv von seiner sowjetischen Seite sehen möchte, sollte im Urban Hotel nächtigen. Es befindet sich an einer für die Sowjetunion typischen breiten Straße, gesäumt von Plattenbauten. Für mich persönlich ist das ein spannender Kontrast und daher sehenswert! Reguläre Rate pro Doppelzimmer etwa 19,00 Euro/ Nacht. Angebote ab rund 10,00 Euro/ Nacht. Man kommt mit der Straßenbahn Linie 3 direkt ins Zentrum.

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Das Ürban Hotel liegt nah am Flughafen in einer Plattenbausiedlung.

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Plattenbau in Lviv – Mich fasziniert diese triste, graue & massive Architektur.

Tipps für Anreise & öffentlichen Nahverkehr

Anreise mit dem Zug: Innerhalb der Ukraine reist man am bequemsten mit dem Zug. Von Kiew aus dauert die Fahrt mit dem Schnellzug rund 5-6 Stunden und kostet etwa 12 Euro. Am einfachsten ist es, die Zugtickets online zu buchen: Hier findest Du die Website der ukrainischen Bahn.

Anreise ab Deutschland mit Flugzeug: Direktflüge mit Wizzair ab Berlin-Schönefeld und Dortmund. Lufthansa fliegt Lviv ab München direkt an.

Unterwegs in der Stadt: Die Altstadt ist kompakt, so dass man alles bequem zu Fuß machen kann. Einmal sollte man mit einer alten Straßenbahn fahren und mit einem der gelben, kleinen Minibusse (Marshrutky). Hier gibt es eine Übersicht der Straßenbahnlinien in Lviv.

Offenlegung: Die Unterkünfte wurden uns vom Lviv Tourismus Amt zur Verfügung gestellt. Peter von Lviv Buddy hat uns zu der Foodtour eingeladen. Vielen Dank!

Noch mehr Eindrücke aus Lviv findest Du hier:

Kategorie: Ukraine

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Aylin zählt sich zur Generation (wh)Y und liebt es, Dinge zu hinterfragen, herumzuphilosophieren und das Leben aus allen Perspektiven zu beleuchten. Gerne auch mit ihrer Kamera. Der zweite Kaffee am Frühstückstisch ist für sie der Inbegriff von Luxus (Zeit + Genuss = Lebensfreude). Wollte mit zart-naiven 16 Jahren mal Journalistin werden und die Welt retten, dieser Blog ist quasi die Erfüllung ihres Mädchentraums.

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