Europa, Italien
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24h in Mailand & das Reiseführer Dilemma

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Silvester 2018/2019. Ein Tag in Mailand. Scharfe Winterluft, blendende Sonnenstrahlen, ein herrlicher letzter Jahrestag. Es gibt so viel zu sehen und unsere Tagesroute ist picke-packe-voll. Warum wir trotzdem viel verpassen- eine Überlegung.

“Ich habe uns eine perfekte Walking Tour zusammengestellt”, sage ich, während Stefan ungehalten die glänzende Käseschicht seiner Pizza mit einem Messer zerrupft. Mit einer aus der Zeit gefallenen zweimotorigen Turboprop Propellermaschine landeten wir vor zwei Stunden in Mailand, morgen ist Silvester. Die Nacht ist pechschwarz, die messerscharfe Luft lässt auf einen klaren Wintertag hoffen.

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Der Torre Unicredit in Mailand wurde 2011 erbaut und ist mit 231m Höhe das höchste Gebäude Italiens.

Jahresende/beginn

Es hat sich nach unserer Weltreise so eingebürgert, dass wir das alte Jahr mit einer Reise verlängern, um den Wechsel statt mit einem harten Cut, mit einem fließenden Übergang zu begehen. Auf Reisen zählen Daten und Wochentage nicht, jeder Tag folgt seiner eigenen Dramaturgie. Was für den Tag gilt, gilt auch für die ganze Reise.

2018 endet also in Italien und für den letzten Tag des Jahres habe ich uns ein strammes Programm zusammengezimmert. Der Luxus unserer Weltreise war vor allem die Zeit, die wir uns nahmen: Für jedes Fleckchen Erde, das wir erkundeten und für uns selber. Langsam zu Reisen entspricht unserer Natur und wenn ich eines von unserer Reise vermisse, dann ist es diese Leichtigkeit im Umgang mit meiner Zeit.

Eines ist aber gleich geblieben: Wenn ich reise, dann breche ich mit meinem Alltag.

Der Zauber des Entdeckens

Unser Hotel liegt etwas abseits im Norden der Stadt, Mailand ist nicht gerade billig. Da wir nur diesen einen Tag zum Erkunden der Stadt haben, studierte ich vorab Blogartikel und den Lonely Planet. In meinem Handy speicherte ich die Sehenswürdigkeiten ab und erkannte eine sich schlängelnde Route von Nord nach Süd. Voila: Unsere 1-Tages-Walking-Tour stand fest.

Nur der Anfang unserer Tour führt durch einen Stadtteil, der es in keinen Reiseführer schafft. Mir fallen betagte Damen in schwingenden Pelzmänteln vor bröckelnden Altbaufassaden auf. Die meisten Geschäfte haben zwischen Weihnachten und den Heiligen Drei Königen zu, Schilder mit dem Hinweis vacance invernali werden uns die ganze Woche begegnen.

Das alte Jahr verlängern eben nicht nur wir.

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Eine massive Häuserfront wird von spanischsprachiger Musik durchbrochen. Das Tor zu einem Innenhof steht offen und da der Tag und wir noch frisch sind, lassen wir uns verleiten.

Wir treten ein in einen Mikrokosmos aus Balkonbrüstungen, Sukkulenten, Kakteen und Palmen, Gießkannen, Lichterketten, Wäscheleinen, sogar ein Büchertauschregal wurde hier aufgestellt. Ein untersetzter, flinker Mann tritt an einem Balkon über uns heraus, spricht uns an, wir können kein Italienisch. Er bietet Spanisch an, so dass wir uns kurz erklären und fragen können, ob wir uns umsehen dürften. Er ist der Hausmeister, „Claro que sí“, und schon verschwindet er wieder.

Nur der Reggaeton bleibt in der Luft und haucht dem Winter eine sommerliche Note ein.

Hier wohnen sicher keine reichen Leute. Architektonisch ist dieser Innenhof vermutlich gar nicht so besonders, aber mir gefällt mit welcher Detailliebe jede Wohneinheit ihren kleinen Vorgarten hergerichtet hat. Ich stelle mir vor, wie Kinder hier im Sommer Fußball spielen, vielleicht wird ja gegrillt, bestimmt viel getratscht und Espresso getrunken.

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Im Kaffeehimmel

Ein paar Blöcke weiter ist Leben in einem schmalen Lädchen: einer Torrefazione (auf Deutsch: Kaffeerösterei). Dicht gedrängelt stehen alte, goldbehangene Damen am Tresen der Torrefazione Moka Hodeidah. Die Männer ziehen ihren Hut vom Haupt, während sie ihren Espresso bestellen.

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Die Torrefazione Moka Hodeidah gibt es bereits seit 1946. Neben exzellentem Kaffee gibt es auch eine feine Auswahl an Tees und Schokoladen.
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Wer die Torrefazione Moka Hodeidah besuchen möchte: Via Piero della Francesca, 8 – Milano.

Sehenswürdigkeiten Hopping

Wir nähern uns den Punkten auf meiner digitalen Karte, die uns von nun an durch Mailand hindurchlotst. Zwischen geschäftigen Händlern und chinesischen Moo Bikes laufen wir im Slalom durch Chinatown, flanieren neben Familien mit Kinderwägen und verliebten Pärchen einmal quer durch den Parco Sempione, unseren Hunger stillen wir in einer beliebten Bäckerei (der Kette Princi) im edlen Brera bevor wir aus Platzangst zügig am Mailänder Dom und der Galeria Vittorio Emmanuele vorbeiziehen. Während sich der Himmel langsam rot färbt, kommen wir im Kanal- und Ausgehviertel Naviglio an.

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Brera | Mailand
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Auch in Mailand gibt es ein Chinatown: Uns hat der lebendige Stadtteil gut gefallen. Hier soll es die besten Dim Sum Mailands geben, wurde uns gesagt.
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Der Mailänder Dom ist tatsächlich beeindruckend. Allerdings ist es hier so voll gewesen, dass wir empfehlen, ganz früh oder spät herzukommen.

Mailand an einem Tag- unser Fazit

Meine ohnehin glühenden Wangen werden nun vom quietsch-orangenen Aperol Sprizz befeuert, während wir unseren Tag Revue passieren lassen. 18 km sind wir durch Mailand gelaufen. Und ich würde behaupten: Die gängigen Sehenswürdigkeiten Mailands haben wir tatsächlich an diesem einen Tag gesehen. Ohne Internet, Blogbeiträge und den Lonely Planet wären wir relativ planlos in Richtung Dom marschiert und von hier an –Gott weiß- in welche Richtung weitergeirrt.

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Aperol Sprizz ist auch im Winter DAS Getränk der Wahl in Italien.

„Ehrlich gesagt, fand ich den Innenhof am Schönsten!“ resümiere ich. Wir hatten dieses Kleinod zufällig, alleine entdeckt.

In Chinatown beeindruckte mich das geschäftige Treiben vor den Supermärkten, gerne hätte ich mal hineingeschaut und in einem Restaurant Dim Sum bestellt. Doch der Tag war ja so kurz.

Die edlen Boutiquen in Brera hingegen langweilten mich, aber die eleganten Menschen mit ihren Mänteln und Sonnenbrillen hätte ich mir stundenlang von einem Espressotresen aus ansehen können.

Der Mailänder Dom: Wow, filigran und prächtig. Doch in der Menschenmasse konnte ich kaum stehenbleiben, geschweige denn, den Anblick genießen. Wir schwammen mit der Masse einmal um dieses weiße, mit Türmen betupfte Koloss herum, und erst in einer Seitenstraße konnte ich auftauchen, um Luft zu holen.

Im Ausgehviertel Naviglio waren viele Bars verschlossen, dafür verlieh der rosarote Sonnenuntergang den kerzengerade verlaufenden Kanälen eine romantische Stimmung. Die Kanalbrücken schienen die most instragrammable spots zu sein, hier drängelten sich die Selfiesticks.

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In Navigli befinden sich entlang der Kanäle Bars und Restaurants.

To guide or not to guide

Dieser Tag war dicht und doch fühle ich eine gewisse Leere. So viel gesehen und dabei erblindet, könnte man meinen. Trojanow, übrigens einer meiner Lieblings-Reiseautoren, verpackt es in die passenden Worte:

„Reiseführer sind Segen und Fluch zugleich, Geländer und Scheuklappe in einem.“

Ilja Trojanow (in: Gebrauchsanweisung fürs Reisen)

Es ist ein Dilemma: In wenig Zeit viel sehen zu wollen, bedeutet auch, Vieles übersehen zu müssen. Wenn eine Reise aber den Bruch mit dem Alltag markiert, dann sollte sie Raum für Entdeckungen, Müßiggang und Ungeplantes bieten. Dem Risiko, etwas zu verpassen, steht die Chance gegenüber, eine zauberhafte Entdeckung zu machen.

Nie wieder Reiseführer und Blogs lesen? Wohl kaum. Vor allem, wenn die Reisezeit -wie bei den meisten Menschen- begrenzt ist.

Was mir in Mailand allerdings erneut bewusst geworden ist, ist Folgendes:

Manchmal steht ein Tagesplan auch im Weg. Und das Schöne am Reisen ist, dass wir frei sind, Pläne über Bord zu werfen.

Wenn Dir Dein Bauchgefühl also sagt, dass Du lieber links abbiegen statt geradeaus gehen solltest, dann gib dieser Intuition nach. Ohne schlechtes Gewissen.

Vielleicht entdeckst Du ja einen zauberhaften Innenhof.

Ich glaube, das ist es wert.

Wie siehst Du das? Planst Du Deine Reisen durch oder lebst Du unterwegs lieber in den Tag hinein? Ich bin gespannt auf Deine Meinung & freue mich auf Deinen Kommentar.
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Kategorie: Europa, Italien

von

Aylin zählt sich zur Generation (wh)Y und liebt es, Dinge zu hinterfragen, herumzuphilosophieren und das Leben aus allen Perspektiven zu beleuchten. Gerne auch mit ihrer Kamera. Der zweite Kaffee am Frühstückstisch ist für sie der Inbegriff von Luxus (Zeit + Genuss = Lebensfreude). Wollte mit zart-naiven 16 Jahren mal Journalistin werden und die Welt retten, dieser Blog ist quasi die Erfüllung ihres Mädchentraums.

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